Artikel

Die Ewigkeit verstehen

0X – Der Beginn der Analyse

von Ole Therkelsen

1. Im Anfang war das „Wort“

In Martinus’ geradlinigster Definition ist Gott die Summe aller Lebewesen. Gott ist das lebende, unendliche Universum, das in aller Ewigkeit existiert hat, ohne Anfang und ohne Ende in Zeit und Raum. Alle existierenden Lebewesen sind die Teile, aus dem dieses allumfassende Wesen zusammengesetzt ist. Einige der wichtigsten Teile von Martinus’ Analyse sind die sogenannten X-Analysen, die ewige Dinge zum Ausdruck bringen, die ohne Anfang, Grund oder Ursache existieren. Martinus erklärt die Existenz von Bewusstsein als solch ein ewiges Phänomen.

Es ist in der Tat solch eine Analyse, die mit den Worten zu Beginn des Evangeliums des Johannes ausgedrückt wird: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.“ Martinus zufolge sind diese Worte die absolute Wahrheit und ein besserer Ausdruck für die das ewig existierende Bewusstsein kann schwerlich gefunden werden. Und man versteht, dass das Wort die Wahrheit, die Wahrheit Gott und Gott die Ewigkeit ist. Martinus deutet das „Wort“ als symbolischen Ausdruck für Gottes und damit für aller Lebewesen ewig existierendes Bewusstsein – „Im Anfang war das Wort“ ist so ein symbolischer Ausdruck für ewige Prinzip des Bewusstseins. (Das Wort, Dänischer Kosmos, Nr. 9/1973).

Das Wort ist fundamentaler als das, was wir gewöhnlicherweise unter diesem Konzept verstehen. Das Wort ist nämlich das Prinzip, durch das Bewusstsein geschaffen wird. Jede Schöpfung, jede Manifestation und jeder Ausdruck beruhen auf dem Wort. Worte machen zusammen die Sprache aus, die eine Systematisierung von Gedanken darstellt, was wiederum das gleiche wie unser Tagesbewusstsein ist. In dieser kosmischen Analyse sind das Wort und die Sprache das Prinzip, durch das jegliches Bewusstsein geschaffen wird.

Wie erwähnt, zeigt Martinus am Ende von Livets Bog 3, wie das Zahlensystem eine Perfektion erreicht hat, die es mit dem gesamten Weltbild und den Gesetzen der Welt und damit mit der Gottheit eint, aber die Sprache soll ebenfalls die gleiche Perfektion erreichen. Im Lichte des Genius, der Menschlichkeit und Nächstenliebe, die hinter der Schaffung von Esperanto liegen, ist es sehr berührend und bewegend, die abschließenden Worte von Livets Bog 3, 1051 zu lesen:

„Wenn die Nächstenliebe ein Wesen dazu bringen kann, das Alphabet der Sprache in solchen Worten und Sätzen aufzustellen, dass sie wie die Struktur des Zahlensystems die Analyse des Universums und damit des Lebens bilden, dann erklingt die ewige Stimme der Gottheit selbst ungehemmt von seinen Lippen. Dann ist es über Zeit und Raum erhaben. Dann ist es eins mit der Unendlichkeit, der Ewigkeit und der Allmacht. Dann ist es der ‚Weg, die Wahrheit und das Leben‘.“

2. Der Stilforscher und der Geistesforscher. Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig

Martinus’ Aufgabe war es, die höchsten Analysen und Realitäten des Lebens mit Hilfe der kosmischen Analysen für die Intelligenz normaler Erdenmenschen verständlich zu machen. Aber er betont mit großem Nachdruck, dass sein gesamtes Werk eine Morallehre sei, die die Nächstenliebe und die Schaffung eines dauerhaften Friedens auf Erden fördern sollte. Wenn Martinus eine Frage gestellt wurde, die zu weit hergeholt war, hat er oft geantwortet: „Was hat das mit Moral zu tun?“

Martinus kannte den biblischen Ausdruck „Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig“ (2. Kor. 3.6), und er bringt das Gleiche zum Ausdruck, indem er zwei Bezeichnungen einführt: „Stilforschung“ und „Geistesforschung“ (Artikelsammlung 1, 7.18).

Ein Stilforscher richtet seine Aufmerksamkeit auf die Details und die einzelnen Elemente des Livets Bog und kann vielleicht hier und dort einen offensichtlichen Widerspruch in zwei Zitaten oder einen vermeintlichen Fehler in einem Symbol finden und folgert daraus, dass Martinus im Irrtum und die Kosmologie falsch sei.

Die Natur der Intelligenz liegt darin, mit konkreten Dingen zu arbeiten und sie in ihre Einzelteile zu zergliedern. Hierbei verliert man jedoch den Überblick und den Geist des Ganzen. Eine intuitive Erkenntnis ist, nur weil sie für die bloße Intelligenz nicht direkt zugänglich ist, weder unlogisch noch unwissenschaftlich.

Andererseits liegt die Natur der Intuition darin, Absichten, das Ganze und den Zusammenhang in der Natur zu sehen, kurz gesagt, den Geist in allem, was der bloßen Intelligenz nicht zugänglich ist, zu sehen.

Intelligenz tötet, aber Intuition macht lebendig

3. Intuitive und kosmische Erfahrungen

Menschlich entwickelte Künstler, Techniker und Wissenschaftler können manchmal sehr inspiriert sein und sogar intuitive Impulse empfangen, die ihnen fertige Ideen und vollständige Lösungen für ihre spezifischen Probleme eingeben. Martinus meint, dass eine intuitive Inspiration dieser Art ein zarter Anfang des Zugangs zum kosmischen Bereich ist, wo man damit anfängt, sowohl die Ewigkeit und die Lösung des Lebensmysteriums erleben zu können, als auch Zugang zum Ozean des Wissens des gesamten Universums zu erhalten. Auch wenn dieses Wissen der Intelligenz nicht direkt zugänglich ist, ist es nicht notwendigerweise unlogisch oder unwissenschaftlich. Martinus behauptete, dass er mit seinem permanenten kosmischen Bewusstsein durch intuitive Mittel freien Zugang zu diesem Ozean des Wissens hatte. Mit Intuition kann man Tatsachen und vollständige Lösungen erfahren, und man kann die Gesamtheit und den Zusammenhang sehen, die sich in die Ewigkeit und Unendlichkeit ausweiten. Es gibt viele lokale Wahrheiten, aber die absolute Wahrheit muss immer aus einer allumfassenden Perspektive der Ewigkeit und Unendlichkeit bestätigt und gesehen werden.

Der britisch-kanadische Arzt Richard Maurice Bucke (1837-1902) schrieb ein Buch, Cosmic Consciousness (1901; dt.: Die Erfahrung des kosmischen Bewusstseins, 1975), das ein Klassiker im Bereich kosmischer Erfahrungen wurde. Bucke schlug zehn Kriterien zur Bestimmung vor, ob eine geistige Erfahrung eine kosmische Erfahrung sei. Sie stimmen weitgehend mit den Kriterien überein, die Martinus für kosmische Erleuchtungsblitze skizziert hat.

Bei einem kosmischen Erleuchtungsblitz kann man ein geistiges Licht, ein Feuer, ein Gefühl von Glück und Seligkeit erleben, aber man kann ebenso eine intellektuelle Wahrnehmung oder Erkenntnis haben, die man nie zuvor gehabt hat. Typischerweise kann man bei einem kosmischen Erleuchtungsblitz erleben, dass man ein ewig existierendes Lebewesen ist. In der Folge eines persönlichen Erlebens der Unsterblichkeit und Ewigkeit ändern sich das Leben und das Verständnis des Lebens tiefgreifend. Unter anderem schwindet die Angst vor dem Tod völlig.

Bei einem kosmischen Erleuchtungsblitz distanziert man sich von der Welt der Erfahrungen, Formen und Gedanken. Die Ewigkeit bei einem kosmischen Erleuchtungsblitz zu erleben, schenkt eine innere Harmonie, Frieden und Gelassenheit, die alle Ängste und Sorgen völlig vertreiben. Man kann sehen, dass Dunkelheit und Übel eigentlich getarnte Liebe sind, dass sie ein unbehagliches Gutes sind. Man kann erleben, dass die Moleküle und Atome lebendig sind, dass die Mikrowelt sich aus lebendigen, bevölkerten Welten zusammensetzt, und man kann erleben, dass der Planet ein Lebewesen ist, dass die Sonnensysteme und Galaxien lebendig sind, dass tatsächlich das gesamte Universum ein Lebewesen ist. Man kann spüren, dass man das Bewusstsein des Universums oder Gottes als einen Ozean der Liebe erlebt. Man befindet sich jenseits von Raum und Zeit, jenseits der Welt der Formen und Gedanken; man ist eins mit allen Lebewesen und eins mit Gott. Bucke weist darauf hin, dass jemand, der eine kosmische Erfahrung gemacht hat, so verändert wird, dass andere diese Veränderung ebenfalls bemerken.

Mit den kosmischen Sinnen kann man erfahren, dass die Struktur des Universums vollkommen ist, und dass Liebe der Grundton des Universums ist. Man kann erleben, dass alle kreativen Prozesse der Natur eine Freude und ein Segen für die Lebewesen sind, oder, prägnant ausgedrückt, dass „alles sehr gut ist“.

Martinus zufolge sind kosmische Erleuchtungsblitze unmittelbare Erlebnisse des göttlichen Feuers bzw. das geistige Licht, das die Bibel „Heiliger Geist“ nennt. Es war dieser Geist Gottes, der Moses im „brennenden Busch“ erschien und der Elias in den Himmel hob. Es war das „Feuer“, in dem Jesus auf dem Berg verklärt wurde, das „Feuer“, das über den Köpfen der Apostel erschien und später Saulus auf der Straße nach Damaskus in Paulus verwandelte. (Zur Geburt meiner Sendung, 1. Kapitel). Auf Martinus’ eigenes Erlebnis des göttlichen Feuers in Form „der weißen Feuertaufe“ und „der goldenen Feuertaufe“ wird im 1. Kapitel dieses Buches verwiesen.

4. Der Sinn des Lebens und des Bewusstseins

Bewusstsein ist laut Martinus die Fähigkeit zu erleben, zu handeln und sich zu manifestieren (Siehe LB2, 528-541).

Der Sinn des ewigen Lebens ist nicht, ein Ziel zu erreichen, denn dann hätte das Leben natürlich ein Ende. Nein, der Sinn des ewigen Lebens ist ganz einfach Erleben und Unterhaltung, die nur aufgrund dessen aufrechterhalten werden können, dass das Wesen, bis in alle Ewigkeit, Zugang zu den zwei großen Kontrasten des Lebens hat, Licht und Finsternis. Es handelt sich um eine kosmische Wahrheit, wenn Liza Minelli singt: Life is a cabaret. Der Sinn des Lebens ist Erleben und Unterhaltung. Das Leben ist ein Kabarett bzw. ein Theater. Martinus erörtert diese Analogie aus der Welt des Theaters in seinem Artikel Das Schicksalsspiel des Lebens. (Buch Nr. 18).

Martinus empfiehlt nicht, dass man wie in der östlichen Tradition bestrebt ist, das Denken zu verhindern und die Entfaltung des Bewusstseins zu hemmen, um ein höheres Bewusstsein zu erlangen. Der Sinn des Lebens ist genau das Gegenteil: nämlich das Leben zu erleben und über das Erleben nachzudenken. Martinus zufolge kommen hohe kosmischen Erfahrungen ganz natürlich und spontan, wenn ein Mensch dazu bereit ist. Er warnt davor, zum Beispiel durch zielgerichtete Meditation spezielle spirituelle Erlebnisse zwanghaft herbeizuführen, da das Risiko besteht, psychische und mentale Kurzschlüsse hervorzurufen (LB6, 2000-2010).

Wie im 8. Kapitel erwähnt, betont Martinus die Wichtigkeit, negative Gedanken zu vermeiden, aber man soll deshalb natürlich nicht aufhören zu denken: man sollte einfach negative Gedanken durch positive ersetzen.

Ewigkeit ist die Hauptstütze der Martinus Kosmologie und in diesem Zusammenhang erklärt er die Symbolik des Kreuzzeichens. Der Querbalken symbolisiert das Zeitliche, Veränderliche und die Welt der Formen, währende der vertikale Balken das Ewige symbolisiert. Jedes Lebewesen besitzt eine ewige und eine zeitliche Seite, die im Schnittpunkt zusammentreffen, und jedes Lebewesen lebt daher laut Martinus in einer ewigen Gegenwart. Die Erfahrung, dass Energie umgeformt werden aber nicht verloren gehen kann, ist auch eine Art der Erfahrung von Unsterblichkeit und Ewigkeit.

Im Gegensatz dazu ist die materialistische Wissenschaft der Ansicht, dass alle natürlichen Phänomene aus den Eigenschaften der Materie erklärt werden können. Die komplexe Natur hätte also eine innewohnende Ursache, eine in der Materie liegende Ursache. Die Wissenschaft verficht daher für die Schaffung komplexer Organismen in der Natur rein materielle Ursachen. Zielgerichtetheit, Absichten und Bewusstseinsfaktoren würden in der Evolution also keine Rolle spielen. Die Wissenschaft bestreitet, dass natürliche Phänomene eine transzendente oder unsichtbare Ursache haben könnten, die außerhalb der brüchigen Materie liegt.

Die materialistische Wissenschaft beruht auf dem Epiphänomenalismus, die die Annahme beinhaltet, dass Bewusstsein, Denken und psychische Erscheinungen nur Begleiterscheinungen oder Nebenerzeugnisse physischer Materie und rein materieller Prozesse im Gehirn seien. Dass physische Materie die Ursache des Bewusstsein sein soll, ist eine Theorie bzw. Vermutung, die nicht bewiesen ist. Es ist ein als Wissenschaft getarnter religiöser Glaube!

Die Konsequenz aus dem Materialismus ist, dass alle menschlichen Funktionen und Eigenschaften - Bewusstsein, freier Wille, Moral, Selbstlosigkeit, Liebe, Kreativität, Fürsorge, Mitgefühl und Sinnerfahrung – wären Erzeugnisse physischer Materie!

Wissenschaft: Materie ist die Ursache des Denkens

Martinus: Materie ist das Material für das Denken

5. Hat das Leben einen Anfang?

Entweder hat das Leben einen Anfang oder nicht. Es gibt nur zwei Möglichkeiten! Der Naturwissenschaft zufolge ist das Leben etwas, das entstanden ist, und darüber hinaus etwas, das durch Zufall als Ergebnis einer langen Serie vorhergehender günstiger zufälliger Ereignisse in toter Materie entstanden ist. Nun gut, gemäß der Urknalltheorie hätte das Universum ebenfalls einen Anfang gehabt. Laut der Bibel und der Theorie des Intelligent Design ist das Leben ein Ergebnis einer bewussten Schöpfung und daher ebenfalls etwas mit einem Anfang.

Bei beiden, sowohl in der Schöpfungstheorie als auch in den biologischen Wissenschaften haben wir daher „Hokuspokus“-Theorien, die auf einem grundlosen Anfang beruhen, wobei das Gesetz von Ursache und Wirkung ausgeblendet wird. Ein absoluter Anfang kann nämlich keine Vergangenheit haben und demzufolge auch keine Ursache.

Meine These lautet, dass die Wissenschaft den Ursprung des Lebens noch nicht erklärt hat. Ihn als „Zufallsereignis“ zu erklären ist eine Nullerklärung. Entweder bedeutet „ein Zufallsereignis“, dass es keine Ursache gibt, und man nimmt das fundamentale Naturgesetz von Ursache und Wirkung aus dem Spiel, oder „ein Zufallsereignis“ bedeutet, dass die Wissenschaft in Wirklichkeit keine Erklärung hat.

Martinus zeigt, dass das Phänomen des Lebens und das Phänomen des Bewusstseins wie das Phänomen der Energie keinen Anfang haben können, sondern ein immerwährend existierendes Phänomen sein müssen. Die Summe des Lebens ist konstant so wie die Summe der Energie konstant ist. Leben ist eben „etwas, das ist“. So wie Energie ist Leben und daher auch das Phänomen des Bewusstseins etwas Ewiges. Da gibt es nichts mehr zu sagen, und im Gegensatz zur Wissenschaft ist Martinus keine weitere Erklärung für die ewige Existenz des Lebens schuldig.

Ewige Dinge sind ursachenlose Phänomene, die einfach nur existieren. Martinus drückt dies daher als „etwas, das ist“ aus. Die reine Existenz ewiger Phänomene kann keine Ursache haben. Das Gesetz von Ursache und Wirkung kann auf ewige Phänomene nicht angewendet werden; es kann nur auf zeitliche bzw. geschaffene Phänomene angewendet werden!

Für Martinus sind sowohl das Phänomen des Lebens als auch das Universum in seiner Gesamtheit einfach ursachenlose und ewige Erscheinungen. Das Leben ist! Was könnte noch gesagt werden?

6. Wie lautet die Beschreibung von allem, was existiert?

Die Thematik der Martinus Kosmologie behandelt alles, was existiert. Martinus zufolge sind im Universum alle Gegensätze gleichermaßen repräsentiert; wenn es jedoch alle Gegensätze enthält, kann die Gesamtheit weder wahrgenommen noch erlebt werden.

Die Summe aller positiven und aller negativen elektrischen Ladungen ergibt Null. Die Summe aller positiven und negativen Zahlen ergibt ebenso Null. Die Summe aller Bewegungen im gesamten Universum ergibt ebenfalls Null bzw. Stille. Da es gleichermaßen Bewegungen in alle Richtungen gibt, ist das Ergebnis, dass sich das Universum in keinerlei Richtung bewegt. Trotz aller Bewegungen ist das Universum völlig unbewegt.

Die Vorbedingung dafür, dass jemand Glück erlebt, ist, dass er Leid erlebt hat. Hitze kann nur in Anbetracht der Kälte erfahren werden. Ein Kontrast kann nur im Lichte seines Gegenteils erfahren werden. Man kann nicht gleichzeitig jung und alt, heiß und kalt usw. sein. Zu gegebener Zeit kann sich nur ein Gegensatz manifestieren, X1 bzw. alles, was existiert, kann nicht zur gleichen Zeit erlebt werden. Etwas, das alles enthält, wird als nichts erlebt!

Dieses X1 ist für die Sinne immateriell, aber nicht immateriell im absoluten Sinne, weil die Gesamtheit nicht ein Nichts ist, sondern ein Alles. Es kann am besten als ein etwas, das ist beschrieben werden. Martinus benutzt den neutralen Begriff X1, wobei X einfach „etwas, das ist“ bezeichnet, und die Zahl 1 bezieht sich auf die erste und primäre Realität in der Analyse des Lebens.

Das Universum mit all seinen existierenden Eigenschaften ist das Gleiche wie das oben genannte X1. In Wahrheit existiert im Universum nur „das göttliche Etwas“ bzw. X1 (LB2, 534-541).

Martinus: „Wir können nicht mit Recht sagen, dass das Universum grün, gelb, blau, schwarz oder weiß, hart oder fest, gut oder schlecht, nass oder trocken usw. ist. Es umfasst alle existierenden Eigenschaften zusammen und bleibt daher hier ebenfalls ohne Analyse. Unser größtes Sinnesobjekt, das Universum, kann daher in jeder Hinsicht in seiner höchsten Analyse nur als ‚etwas, das ist‘ ausgedrückt werden. Ich habe dies daher mit dem Begriff ‚X’ ausgedrückt. Aber da wir später zu zwei ähnlichen Analysen kommen, habe ich das hier ‚X’ genannte als ‚X1’ ausgedrückt.“ (Das intellektualisierte Christentum, 104).

Im Zusammenhang mit der Beschreibung des Zahlensystems, die im letzten Teil von LB3 zu finden ist, zeigt Martinus, dass sich hinter der Null nicht ein „Nichts“ befindet, sondern ein „Etwas“. Eine Null, die allein zu sein scheint, drückt nicht weniger als das gesamte Universum aus, Unendlichkeit und Ewigkeit. Diese Null hat die gleiche Analyse wie X1 oder „das göttliche Etwas“, das alle existierenden Gegensätze zugleich enthält (LB3, 1010, 1023).

Symbol Nr. 41  Das Sternsymbol © Martinus Institut

„Das Symbol ist der Ausdruck für das Weltall an sich. Das Dreieck soll ausdrücken, dass die Grundanalyse des Weltalls ein ‚dreieiniges Prinzip’ ist, nämlich X1, X2 und X3, welche Realitäten wiederum in jedem Lebewesen vorkommen und unter den Begriffen das ‚Ich’, die ‚Manifestationsfähigkeit’ bzw. der ‚Organismus’ bekannt sind.

Dass das Dreieck von einer Sonne umgeben ist, soll zeigen, dass das Leben oder Dasein seiner höchsten Analyse nach ebenfalls absolut hell ist. Dass die Strahlen in der Form eines Kreuzes hervortreten, soll ausdrücken, dass die vollkommenste Manifestation Liebe ist oder dies, sich für andere zu opfern.“ (DEW4, Symbol Nr. 41).

7. Das dreieinige Prinzip

Das Ich in seiner wahren Natur kann nicht als eine bestimmte Art des Seins klassifiziert werden, zum Beispiel als Pflanze, Tier, Mensch oder Erdkugel. Die Lebewesen sind etwas anderes als das Ich; sie stellen sich ändernde Zustände oder Erscheinungen dar, die durch die Verbindung des Ich mit der Substanz bzw. Materie hervorgebracht werden (LB2, 314).

Das Ich oder X1 ist eine ewige Realität, die ewig an die zwei anderen Realitäten oder Prinzipien X2 und X3 gebunden ist, sodass es sich als Lebewesen zeigt. Diese drei Bezeichnungen, X1, X2 und X3, geben nicht die Analyse von drei Dingen wieder, sondern müssen im Gegenteil als drei Analysen von ein und demselben Ding aufgefasst werden. Das Lebewesen, das eine Einheit, bestehend aus diesen drei Analysen, ausmacht, ist daher folgerichtig mit einem dreieinigen Prinzip identisch. (LB2, 318).

Alles was außerhalb des Schöpfers existiert, ist das, was wir „Substanz“ oder „Materie“ nennen, was wiederum das gleiche ist, wie Sinne und Sinnesreaktion (LB2, 493).

8. Das Perspektivprinzip als Ausdifferenzierungsprinzip

Etwas das alles enthält, kann mit unseren Sinnen nicht wahrgenommen werden! In Analogie dazu können die Farben im weißen Licht nicht wahrgenommen werden, obwohl es alle Farben enthält. Die Summe aller Farbkontraste ergibt null bzw. etwas Farbloses (LB2, 495-500; DEW4, 34.2).

Das Perspektivprinzip stellt eine Begrenzung der Unendlichkeit dar, die das namenlose X1 bzw. das Universum für die sinnliche Wahrnehmung zugänglich macht.

Indem Teile des Ganzen abgegrenzt werden, kann der eine Gegensatz durch die Abwesenheit des anderen gefühlt und wahrgenommen werden. Wenn ein Ding als grün erkannt wird, geschieht dies, weil die komplementäre Farbe Rot absorbiert und ausgelöscht wird. Im ursprünglich weißen Licht ist es dem grünen Licht erlaubt zu dominieren, wenn das rote Licht entfernt wird. Dinge im nahen Gesichtskreis werden in Ausblendung von Dingen in der Ferne wahrgenommen.

Das Perspektivprinzip, das eins der ewigen Schöpfungsprinzipien in X2 ist, liegt allen Wahrnehmungen zugrunde. Es bewirkt, dass nahe Dinge groß erscheinen und jene in der Entfernung als klein, so wie Bäume entlang der Allee. Alle Dinge sind in Wirklichkeit gleich groß, bzw. ohne Größenmaß, wenn sie nicht durch dieses individuelle perspektivische Verhältnis der Sinneswahrnehmung wahrgenommen werden.

9. Außerhalb des Kontrastprinzips sind keine Kontraste zu finden

Außerhalb des Perspektivprinzips in X2 treffen wir auf das allumfassende höchste Element im Leben, das göttliche Etwas oder X1, das ohne Kontraste und daher jenseits aller Wahrnehmung existiert. Es ist das einzige existierende Etwas ohne Ursache. Wir sind bei der ursachenlosen Ursache bzw. bei der Ursache aller Ursachen angekommen. (LB2, 504).

Martinus: „Jegliche Manifestation von Leben liegt somit in dem Teil des ‚dreieinigen Prinzips’, das aus ‚X2’ und ‚X3’ besteht. Diese beiden ‚X’ sind das Leben und Bewusstsein des ‚X1’, d.h. sie sind eine ewige Eigenschaft des ‚X1’.“ (LB2, 556).

10. X2 oder die Mutterenergie bildet ein Spaltungsprinzip

Die Schöpfungsfähigkeit kann keinen Anfang gehabt haben, denn wie sollte sie ohne eine vorherige Schöpfungsfähigkeit entstehen oder geschaffen sein? Die Schöpfungsfähigkeit selbst ist daher nicht etwas Geschaffenes sondern einfach etwas, das existiert. Diesem Etwas Nr. 2 hat Martinus daher die neutrale Bezeichnung X2 gegeben.

Martinus beschreibt X2 oder die Mutterenergie als ein Spaltungsprinzip, wobei die Gottheit oder das Ich des Universums sich in die Ichs der individuellen Lebewesen aufspaltet (DEW1, 11.2, 11.10).

Martinus beschreibt auch, wie X1 durch das Urbegehren und die Mutterenergie in sechs andere Grund- oder Lebensenergien aufgespalten wird. (DEW4, 34.2).

Das Leben ist eine Einheit, die nicht aufgespalten werden kann, wie Martinus betont. Nur für die Analyse kann man das Lebewesen in drei Teile unterteilen: den Schöpfer, die Schöpfungsfähigkeit und das Geschaffene – X1, X2 und X3. (LB2, 463).

Die Schöpfungsfähigkeit, X2, die das Mutterprinzip aller kosmischen Prinzipien ist, enthält das erforderliche Potenzial zur Erzielung der individuellen Kontraste, damit sie erlebt werden können. Wenn dieses Ausdifferenzierungsprinzip nicht existieren würde, wäre das Erleben des Lebens unmöglich.

Das Schöpfungsprinzip, X2, kann symbolisch als ein kosmisches Prisma gesehen werden, das das weiße Licht, X1, in die unterschiedlichen Farben oder die Grundenergien in X3 aufspaltet. Hierdurch kann man eine illusorische Wahrnehmung der absoluten Realität haben: durch die sechs verschiedenen Reiche hat man die Möglichkeit, die Realität abwechselnd durch eine rot, orange, gelb, grün, blau und indigo gefärbte Brille zu sehen. (LB2, 504, 529-541).

Wenn man sagen kann, dass X1 sich mit Hilfe von X2 in X3 ausdifferenziert, ist dies nicht eine Ausdifferenzierung, die einen Anfang hat oder innerhalb eines Zeitraums stattfindet. Diese Ausdifferenzierung ist etwas Ewiges und ständig Bestehendes. Die Ausdifferenzierung besteht in jedem Moment. Die Ausdifferenzierung ist ein „Etwas, das existiert“, geradeso wie das Leben „ein Etwas, das existiert“ ist.

11. Das Paradox von X3, das zeitlich und veränderlich, aber gleichzeitig auch ewig und unveränderlich ist

Die individuellen Kontraste der Ausdifferenzierung formen geschaffene Produkte, die aus den sechs Reichen und den sechs Grundenergien gebildet werden, die das Material für alle Schöpfung und alles Erleben sind. Das Paradox bei X3 besteht darin, dass alle Dinge in X3 zeitlich und veränderlich sind, während die Gesamtenergiesumme von X3 beständig und unveränderlich ist. Trotz aller Variabilität der geschaffenen Einzelteile, ist X3 daher in seiner Gesamtheit von ewiger Natur. Dieses Etwas Nr. 3 ist eben also auch ein „Etwas, das ist“, das Martinus daher mit dem neutralen Namen X3 bezeichnet. Diese X-Analyse bzw. Analyse in ihrer Gesamtheit von X3 ist mit der Analyse von X1 identisch.

Eine X-Analyse ist nämlich eine Analyse, die zu dem Ergebnis führt: dass die analysierte Erscheinung keine Analyse haben kann, die über dass sie „etwas ist, das ist“ hinausgeht. Daher ergibt sich kein Widerspruch, wenn Martinus an einer Stelle (LB7, 2658, Nr. 12) schreibt, dass die Summe aller Kontraste X3 entspricht, und an anderer Stelle dass sie X1 entspricht. Beide Analysen drücken nämlich die gleiche X-Analyse aus (Das intellektualisierte Christentum, 104; LB3, 1010, 1023).

12. X1 – der feste Punkt oder die Stille als Gegensatz zur Bewegung

X1 ist der feste Punkt bei jedem Erleben, das im Kern darin besteht, die Bewegungen in X3 zu messen. Jedes Erleben basiert auf einer Kontrastbildung, und um die Bewegung zu erleben ist ein Kontrast in Form der Stille, wie er sich in X1 darstellt, notwendig (Lesen Sie mehr in LB3, 779-786).

13. Was ist das Nächste, zu dem man zur Stille bzw. X1 kommen kann?

Im Zusammenhang mit seinem Erlebnis der „goldenen Feuertaufe“ sagt Martinus, dass die goldenen Fäden das Nächste seien, wie man zum Erleben des Unmanifestierten und des Ich kommt. Die goldenen Fäden repräsentierten den Übergang der Mutterenergie durch den Grenzbereich zwischen dem Unmanifestierten und dem Manifestierten, zwischen Stille und Bewegung. Das Erleben der goldenen Fäden ist die höchste Empfindung, die auftreten kann. Die höchste Horizontgrenze der sinnlichen Wahrnehmung ist dort, wo sich die sich bewegenden goldenen Fäden in die Stille verlieren. Hinter dieser Horizontgrenze existiert nur das Ich; dort ist der erste Anfang jeder Bewegung. Aber diese beginnende Bewegung jenseits der goldenen Fäden ist der Sinneswahrnehmung unzugänglich und bleibt daher unmanifestiert. Auf der anderen Seite der Lichtgrenze der goldenen Fäden wird diese Bewegung zu unserem Organismus, unserem Bewusstsein und unseren unbewussten Lebensfunktionen, unseren Bestimmungen des Denkens und Willens, unserer Manifestation und Wesensart, wie es Martinus in seinen Analysen über das Mysterium der goldenen Fäden beschreibt (LB6, 2087, 2093, 2098-2099).

Im Zusammenhang mit den Analysen der goldenen Fäden benutzt Martinus auch den Ausdruck goldener Strahlenglanz. Als Martinus den goldenen Strahlenglanz erlebte, befand er sich außerhalb von Raum und Zeit; er war eins mit der Unendlichkeit und der Ewigkeit. Dieser goldene Strahlenglanz ist es, der alle Lebewesen miteinander und mit dem ganzen lebenden Universum vereint (Das Intellektualisierte Christentum, 3, 6 und 11).

14. Bedeutende Erweiterungen der Analysen

Als Martinus am Sonntag, den 25. Juni 1978, zur neuen Sommersaison im Martinus Center Klint willkommen hieß, sagte er, dass er begonnen habe, eine größere Analyse des Ich und des Immateriellen abzufassen (siehe das gesamte 5. Kapitel im dem Buch Das Intellektualisierte Christentum).

Im folgenden Jahr, am Sonntag, den 24. Juni 1979, sagte Martinus wiederum in seiner Begrüßungsansprache in Klint, dass er mit bedeutenden Erweiterungen der Analysen begonnen habe, was für ihn jedoch sehr zeitaufwändig wäre, weil er nun 89 Jahre alt sei, und er habe nicht die gleichen Kräfte als wie er 50 war. Freunden und Mitarbeitern erzählte er auch, dass es größere Analysen über die Gottheit und den goldenen Strahlenglanz geben würde.

In einem öffentlichen Vortrag im Sheraton Hotel, Kopenhagen, an seinem 89. Geburtstag, dem 11. August 1979, erwähnte er vor einem Publikum von etwa 500 Zuhörern ebenfalls die erweiterten Analysen „des Etwas“, das hinter unserer körperlichen Struktur die Kontrolle ausübt.

Martinus sagte: „Es sind insbesondere diese Analysen, die mich im Moment bei der Fertigstellung des Buches Das dritte Testament aufgehalten haben. Es wird einige bedeutende Erweiterungen zu den Studien, die sie schon erhalten haben, geben.“ (Dänischer Kosmos, Nr. 7/2008).

Eine Vermutung könnte daher sein, dass die Einführung des neuen Konzeptes 0X auch zu den erwähnten Erweiterungen der Analysen gehörten. In den Abschnitten 134 und 135 von Das Intellektualisierte Christentum benutzt Martinus das Konzept 0X als Name für das Ich des Universums bzw. für Gott oder das immaterielle Etwas zum ersten Mal.

Martinus schreibt: „Das immaterielle Etwas, 0X, das keine Materie ist und nur als ‚immateriell‘ ausgedrückt werden kann, weil es nicht wahrgenommen werden kann, ist das Ich Gottes und tritt so auf, dass es auch das Ich jeden Lebewesens ist“ (Das Intellektualisierte Christentum, 134).

15. Martinus deutet die neuen höheren Analysen an

Es ist interessant, dass Martinus schon nach den Abschnitten 136 und 137 die Arbeit an der Fertigstellung dieses Buches, das sein Werk als Das Dritte Testament der Öffentlichkeit vorstellen sollte, unterbrochen hat. Das gesamte lange und abschließende fünfte Kapitel, Das lebende Universum – der einzig wahre Gott (Das Intellektualisierte Christentum, 103-137), war tatsächlich seiner Zeit allzu sehr voraus. Martinus sagte mehrfach bei Treffen mit seinen Mitarbeitern, dass er wieder und wieder zu zu weit gehenden Analysen käme, Analysen, die die Menschen von heute nicht benötigten und die sie vielleicht erst in vielen hundert Jahren zu verstehen in der Lage wären (Siehe auch Kapitel 13.22).

Bei Treffen im Institut sagte Martinus oft, dass er beim Schreiben des Buches Das Dritte Testament immer wieder in Analysen abglitt, die allzu sehr voraus seien. Es mag sein, dass Martinus seine Arbeit an dem Buch gerade an dieser Stelle unterbrochen hat, weil er bei der Einführung des Konzeptes von „0X“ wiederum in Analysen gerutscht war, die bezüglich der Absicht des Buches zu weitgehend waren. Man kann daher vermuten, dass Martinus seine Analysen von 0X nicht abgeschlossen hat.

Ich glauben jedoch absolut nicht, dass Martinus mit der Einführung des 0X-Konzeptes irgendwelche Missverständnisse oder Fehler im Hauptwerk korrigieren wollte, sondern nur eine neue und höhere Sichtweise auf das Immaterielle und das Wesen der Gottheit geben wollte.

16. „Das Immaterielle“ ist das Lebende im Lebewesen

Während der Jahre 1978-1980, im Alter von 88-90 Jahren, benutzte Martinus verschiedentlich, so auch in drei Vorträgen und in seinem letzten Buch Das Intellektualisierte Christentum (10-11), die Wendung „das Lebende im Lebewesen“.

Im Jahre 1979 sagte Martinus, dass obwohl es verrückt klingen möge, das Immaterielle nicht ein Nichts sei. Es ist etwas, das ist. Wir können es nicht wegschaffen, weil es das Lebende im Lebewesen beinhaltet (Christi Wiederkunft – das Kommen des Beistandes, Dänischer Kosmos, Nr. 7/2008).

Im Jahre 1980 erklärte Martinus außerdem, dass das, was er das „Ich“ bzw. den „Schöpfer“ nannte, das den Lebewesen zugrundeliegende Immaterielle sei. Das Lebende im Lebewesen existiert nicht auf einer physischen Ebene, sondern auf einer geistigen Ebene, die immateriell ist (Ved dagens begyndelse – Zu Beginn des Tages, Dänisches Radio P1, September 1980, Dänischer Kosmos, Nr. 1/2005).

1980 sagte Martinus während seiner Ansprache zum 90. Geburtstag: „Das Ewige, das über Zeit und Raum erhaben ist, habe ich bei meiner großen Geburt erlebt, als ich die Goldglorie erlebt habe. – Es war vollständig wie Gold – es war vollständig wie ein Goldozean von goldenen Fäden, was ich später als Goldglorie bezeichnet habe. Es ist in allen Lebewesen vorhanden und deshalb nenne ich das auch das Lebende im Lebewesen.“ (Das Christusprinzip, Dänischer Kosmos, Nr. 8/1991).

Martinus: „Ohne das Ich gibt es kein Lebewesen. Daher habe ich es ‚das Lebende’ im Lebewesen genannt. Es existiert in diesem Stadium als absolute Stille oder als der ‚feste Punkt’ um den herum sich alles im Universum bewegt.“ (Das Intellektualisierte Christentum, 11).

17. Das Manuskriptblatt, in dem Martinus das Konzept „0X“ einführt

Am Martinus Institut war ich an der Bearbeitung der von Martinus nachgelassenen Manuskripte des Buches Das Intellektualisierte Christentum beteiligt. In dem maschinengeschriebenen Manuskriptblatt von Abschnitt 134 hatte Martinus mit Rotstift einen Satz hinzugefügt: „Dieses immaterielle Etwas werden wir dann entsprechend als … ausdrücken.“ Der erste Ausdruck war komplett ausgestrichen, aber unter der Streichung konnte man „N.S.E.“ entziffern und oben auf dem Manuskript hatte Martinus ebenfalls „n.s.e.“ in Kleinbuchstaben als Abkürzung für „Noget som er“ (etwas, das ist) geschrieben. Unter der nächsten Streichung konnte man „XN“ entziffern, wobei ich annehme, dass „N“ für N.S.E., „etwas, das ist“ stehen sollte. Von den vorerwähnten Streichungen aus hat Martinus mit Blaustift am Ende eines Pfeils „ol“ geschrieben, vermutlich die Abkürzung für „og lignende“ („und dergleichen“). An einer anderen Stelle im Manuskript wurde der Ausdruck „X.0“ ebenfalls gestrichen.

Diese Streichungen könnten darauf hindeuten, dass Martinus nach vielem Abwägen von solchen Bezeichnungen wie X.0, X-X, XN und N.S.E. abgerückt ist. Er muss sich mehrfach vielfältige Gedanken gemacht haben, bevor er entschied, dass es „0X“ heißen sollte – ohne Punkt. Mit einem roten Stift fügte er an drei Stellen „0X“ in das Manuskriptblatt ein, wie es in Das Intellektualisierte Christentum 134-135 wiedergegeben ist.

Bemerkungen im privaten Tagebuch seines guten Freundes Per Thorell (1916-2003) bestätigen, dass der 88-jährige Martinus sich über eine lange Zeit viele Gedanken über diese Bezeichnung gemacht hat: „Martinus war gut in Form. Er sprach begeistert über die Arbeit am letzten Abschnitt des ‚Dritten Testaments’ und seine Suche nach einem Wort oder einer angemessenen Bezeichnung für das Ich-Feld oder den Teil des Lebewesens, der nicht Bewegung sondern Urheber der Bewegung ist.“ (Per Thorell, 23.04.1978).

„Martinus wirkte wohlauf und in Form. Wir sprachen über die Titel ‚Livets Bog’ und ‚Das Dritte Testament’. Martinus kam auf die große tiefgehende Ich-Analyse zu sprechen, die er für ‚Das Testament’ ausarbeitet.“ (Per Thorell, 17.09.1978).

18. Warum eher 0X als X0, X-X oder XN?

Warum war 0X die bevorzugte Bezeichnung anstatt X0, X-X oder XN oder sonst etwas? Ja, in Martinus’ Analysen des Zahlensystems in LB3, 1010-1051 gibt es ein gutes Argument für die Wahl der führenden Null im Ausdruck 0X und dafür, den Punkt in der Mitte der Bezeichnung nicht zu benutzen.

Im Zahlenalphabet gibt es 10 Zahlenbuchstaben: 0, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8 und 9. Wenn man bis zur 9 gezählt hat, wurden alle Zahlenbuchstaben aufgebraucht und der Einerzyklus abgeschlossen, wonach man mit einem neuen Zyklus anfangen muss, dem Zehnerzyklus. In der Zahl 10 wird die nachgestellte Null in der Rechnung miteinbezogen. Die Null ist eine gewöhnliche Zähleinheit auf einem gleichen Fundament wie die anderen neun Zahlenbuchstaben.

Martinus demonstriert, dass eine führende Null mit der X-Analyse oder der Analyse von X1, dem Unmanifestierten bzw. der ursachenlosen Ursache identisch ist (LB3, 1010, 1023). Die führende Null wird im Gegensatz zur nachgestellten Null nicht in die Rechnung miteinbezogen.

In der alten 13-Punkteskala des dänischen Notensystems wurde die führende Null benutzt. Wenn man eine schlechte Note hatte, sagen wir 0 oder 3, konnte man im Notenbuch leicht eine 1 vor diese Zahl setzen, so dass dort 10 oder 13 stand. Um das Mogeln zu vermeiden, schrieb man immer 00 oder 03 in das Abschlusszeugnis des unglücklichen Schülers.

Die führende Null in den Noten 00 und 03 zeigten, dass man bedauerlicherweise den Zehnerzyklus nicht erreicht hatte. Diese Null steht für etwas, das noch nicht manifestiert ist, aber der ursachenlosen Ursache und dem Urbegehren entspricht; es hat in sich das Potenzial oder die Möglichkeit, einen neuen Zyklus, den Zehnerzyklus, in Gang zu setzen (LB3, 1037).

Eine X-Analyse ist wie gesagt eine Analyse, die zu dem Schluss kommt, dass das analysierte Phänomen einzig diese Analyse haben kann: etwas, das existiert. Wenn es um X1, X2 und X3 geht, ist die nachgestellte Null eine Zähleinheit, mit der Martinus seine X-Analyse nummeriert. Aber ich denke, dass Martinus einen einzigartigen und umfassenden Ausdruck für das immaterielle Etwas suchte, also eine Voraussetzung für die Existenz von X1, X2 und X3. Wenn dies etwas sein sollte, das den drei X vorausgeht, sollte es nicht mit den drei X und der entsprechenden Zähleinheit in ihrer Serie gleichgestellt werden. Daher können solche Bezeichnungen wie X0 oder X4 nicht verwendet werden. Die logischste Bezeichnung für „dieses immaterielle Etwas“ muss daher eine Bezeichnung mit einer führenden 0 sein: 0X.

Eine führende 0 ist ein Ausdruck für etwas Unmanifestiertes

Eine nachgestellte 0 ist eine Zähleinheit und etwas Manifestiertes

19. Die verborgene Sprache der Zahlen und Buchstaben

Der dänische Autor Per Jan Neergaard hat die Ansicht vertreten, dass mancher sicherlich fragen wird, ob man die führende Null auch in Ausdrücken wie 0X1, 0X2 und 0X3 verwenden sollte. Die führende Null ist laut Martinus der Aufmerksamkeit vieler Menschen entgangen (LB3, 1037). Martinus meint, dass man tatsächlich eine Null vor alle Zahlen schreiben sollte (LB3, 1015 und 1035), und aus diesem Grund machte er tatsächlich einen speziellen „Plan zur Bedeutung der Null“ in LB3, 1032.

In der Tat konnte man auf dieser Basis wirklich durchaus eine Null vor X1, X2 und X3 schreiben.

Wie erwähnt führt eine X-Analyse zu einem „namenlosen Etwas“, das Martinus „X“ nennt. Zum Beispiel muss man aus dem Lehrsatz über die Konstanz der Energie den Schluss ziehen, dass alle Energie eine ewige Existenz hat, oder dass X3 nur „ein Etwas, das ist“ ist, ohne jegliche Erklärung, ohne Anfang oder Ursache. Ähnliche Analysen kann man für den Schöpfer, X1, und die Schöpfungsfähigkeit, X2, machen, die ebenso nur ein „namenloses Etwas“ sind. Das bedeutet, dass das führende X in einer X-Analyse tatsächlich äquivalent zur Analyse der führenden Null im Zahlensystem ist. Es wäre daher tautologisch, 0X1, 0X2 und 0X3 zu schreiben. Die Zahlen und die Buchstaben bilden zwei unterschiedliche Alphabete, wobei 0 und X sich entsprechende Rollen spielen. Im Zahlenalphabet spielt die unmanifestierte 0 die gleiche Rolle wie das unbekannte X im Buchstabenalphabet. X ist dementsprechend die Null des Buchstabenalphabets.

Martinus ist daher gut abgesichert, wenn er schon in den drei Ausdrücken X1, X2 und X3 ein führendes X verwendet, das tatsächlich der führenden Null in den Zahlen 01, 02 und 03 entspricht.

20. X1, X2 und X3 hängen gegenseitig voneinander ab, während 0X für sich alleine stehen kann

Martinus erklärt in seinen Analysen, dass X1, X2 und X3 gegenseitig voneinander abhängen. Schöpfer und Schöpfung haben ohne Schöpfungsfähigkeit keinen Sinn. Eine Schöpfungsfähigkeit und eine Schöpfung haben ohne Schöpfer keinen Sinn. Ein Schöpfer und eine Schöpfungsfähigkeit haben ohne Schöpfung ebenfalls keinen Sinn. Demgegenüber kann 0X einfach als die Vorbedingung für die drei X in der Analyse des Lebensmysteriums für sich alleine stehen.

Die Farben des Spektrums heben sich voneinander ab, so dass sie sich zusammengenommen gegenseitig auslöschen. X1, X2 und X3 sind tatsächlich Gegensätze, die zusammengenommen „ihre Farbe verlieren“ bzw. sich gegenseitig aufheben und die Null werden, die die ursachenlose Ursache oder das immaterielle Etwas ist. In der Analyse gehören die drei X zusammen. Wenn das erste X erscheint, treten die beiden anderen gleichzeitig auf. Umgekehrt verschwinden die beiden anderen X zur gleichen Zeit, wie ein X verschwindet. Wenn der Schöpfer erscheint, treten die Schöpfungsfähigkeit und die Materie gleichzeitig auf. Wenn der Schöpfer und die Schöpfungsfähigkeit gebildet werden, wird die Schöpfung gleichzeitig gebildet, genauso wie der Schöpfer und die Schöpfung gleichzeitig mit der Schöpfungsfähigkeit erscheinen.

0X, der allgemeine Anfangspunkt für die Entstehung der drei X kann für sich alleine stehen, während die drei X gegenseitig voneinander abhängen.

Mit einem Begriff, der aus der theoretischen Physik entlehnt ist, würde ich die Martinus Kosmologie als Die Theorie von Allem bezeichnen. Sie ist in der Tat der Anfang der Analyse bzw. Martinus’ erste Analyse in der Form von 0X, die erste Ursache oder das Immaterielle, was diese Bezeichnung rechtfertigt. Das Immaterielle in der Form von 0X ist nämlich die Summe von allem, das existiert. 0X ist die Summe aller existierenden Kontraste. Das ewig existierende, unveränderliche, immaterielle 0X muss daher die absolute Stütze bzw. tragende Säule eines ewigen Weltbildes sein!

21. Erklärung des ersten Symbols von Martinus – das Dreieck

Das erste Symbol, das Martinus zeichnete, war ein gleichseitiges Dreieck, zu dem er folgende Erklärung gab:

„Die ursachenlose Ursache“ oder „die erste Ursache“.

Das existierende „Etwas“ hinter allen Dingen, das ein dreieiniges Prinzip darstellt:

• X1, als der Vater, die Vorsehung oder das Universum.

• X2, als die existierende „Schöpfungsfähigkeit“ im Universum oder „die Welt der Funken“.

• X3, als die „die Welt der Formen“ oder „ das Geschaffene“.

In Martinus’ symbolischer Sprache symbolisiert das Dreieck das Lebewesen, das immer eine dreieinige Analyse hat. Die drei Seiten des Dreiecks symbolisieren: den Schöpfer, die Schöpfungsfähigkeit und das Geschaffene oder X1, X2 und X3.

In den ersten drei Zeilen erklärte Martinus, dass „die ursachenlose Ursache“ oder die „erste Ursache“ dem dreieinigen Prinzip mit den drei X vorausgeht bzw. es ins Leben ruft. So kann man sagen, dass 0X das gleiche ist wie die erste Ursache. 0X geht X1, X2 und X3 voraus.

Die erste Ursache bzw. 0X, die das dreieinige Prinzip bildet

22. Die erste Leere – 0X

Im Zusammenhang mit der Analyse des Lebensmysteriums kann man gut von einer ersten Leere sprechen, auch wenn es etwas verrückt klingen mag, denn wie könnte eine Erscheinung des ewigen Lebens einen Anfang haben oder ein Ausdruck für Leere sein? Nun, hier muss man zwischen einem „Anfang in der Zeit“ und einem „logischen Anfang“ unterscheiden. Das Leben hat keinen Anfang, aber die Analyse des Lebens muss notwendigerweise einen Anfang haben. Die tiefste Analyse dieses Lebens muss auf dem beruhen, was existiert. Und was ist es, das existiert? Es ist das immaterielle oder göttliche Etwas, das alles einschließt. Es enthält alle existierenden Kontrastpaare, die sich gegenseitig aufheben, so dass wir in der Analyse mit der Null oder der Leere anfangen müssen.

Die erste Leere ist die Leere der Null oder von 0X, die man vorliegen hat, bevor man mit der Analyse des Lebens anfängt. Nach der Analyse hat man die drei voneinander abhängigen Faktoren: X1, X2 und X3.

0X ist ein Etwas, das das dreieinige Prinzip ausmacht, d.h. 0X geht der dreieinigen Analyse voraus und bildet die Vorbedingung für das Erscheinen von X1, X2 und X3.

Was ist Leben? Was ist die Lösung des Lebensmysteriums? Die Analyse von X1, X2 und X3 ist laut Martinus selbst die Lösung des Lebensmysteriums. Sie erklärt, was Leben ist und wie das Leben abläuft.

Die erste Leere ist daher ein guter Ausdruck für 0X, das der dreieinigen Analyse vorausgeht.

0X ist der Anfang der Analyse

23. Die Doppelrolle von X1 als X1 und 0X

X1 und 0X stellen unterschiedliche analytische Annäherungen an „das Immaterielle“ oder „die ursachenlose Ursache“ dar. So wie man ein Haus mit Sicht auf die Fassade, die Rückseite oder den Giebel, aus der Nah- und Fernsicht oder der Vogelperspektive beschreiben kann, so kann man laut Martinus auch das Immaterielle aus unterschiedlichen analytischen Winkeln betrachten. Erst ganz zum Schluss führt Martinus 0X ein und daher kann man sehen, dass X1 im vorherigen Schrifttum eine Doppelrolle in der Beschreibung des Immateriellen gespielt hat.

Als Mathematiker würde ich die zwei Nuancen mit zwei Gleichungen ausdrücken:

X1 = X1 + X2 + X3

0X = X1 + X2 + X3

Oberflächlich betrachtet erscheint die 2. Gleichung logischer als die 1. Gleichung. Aber da Martinus 0X zuvor in seinem Werk nicht eingeführt hatte, musste er die 1. Gleichung benutzen, was er unter anderem auch in Das Intellektualisierte Christentum, 104 getan hat. Gleichung 1 ist aus dem Grund korrekt, dass sie ausdrückt: X-Analyse = X-Analyse.

Martinus verwendet die erste Gleichung auch in seiner Analyse des Zahlensystems, wo er aufzeigt, dass die Analyse der Null das Gleiche ist, wie die Analyse von X1 (LB3, 1010, 1023). In dieser Analyse des Zahlensystems ist die Null mit X1 identisch, aber nicht mit X2 und X3. X2 wird durch die Talentkerne in Form derjenigen Zahlen symbolisiert, die übertragen werden, d.h. diejenigen Einheiten, die als Übertrag in höhere Zyklen übergeben werden, den man als Ergebnis eines niedrigeren Zyklus erhält; zum Beispiel wird die Eins als Übertrag aus dem Einerzyklus als Ergebnis an den Zehnerzyklus übergeben. X3 wird durch alle einzelnen Ziffern symbolisiert.

24. Was ist der Unterschied zwischen 0X und X1?

Wenn man auf die Situation schaut, nachdem Martinus 0X eingeführt hat, könnte man möglicherweise X1 von einer seiner zwei Rollen entlasten und diese an 0X überlassen. Man könnte 0X das Immaterielle aus einer existenziellen und objektiven Perspektive beschreiben lassen und X1 das Immaterielle von einem funktionalen und subjektiven Standpunkt bezeichnen lassen. 0X und X1 haben dies gemeinsam: dass beide Analysen oder Beschreibungen des Immateriellen bzw. der ersten Ursache sind.

0X repräsentiert ein unmanifestiertes und existenzielles Prinzip, währende X1 ein funktionales Prinzip repräsentiert. X1 wirkt als das Ich oder als Schöpfer, was zusammen mit der Schöpfungsfähigkeit X2 und dem Geschaffenen X3 das Lebewesen ausmacht. Zusammen bilden X1, X2 und X3 die drei funktionalen Prinzipien, die vorhanden sein müssen, damit etwas erscheinen und als Lebewesen wirken kann. Aber 0X hat keinen funktionalen Aspekt; es hat einzig einen existenziellen Aspekt.

0X ist das Immaterielle von einer objektiven Seite aus gesehen, währende X1 das Immaterielle von einer subjektiven Seite aus gesehen ist, da X1 des Lebewesens als Ich erlebt wird. Alle Lebewesen haben dank des X1 ein ewiges Zentrums- oder Ich-Gefühl. Dank des X1 kann das Lebewesen zwischen „Ich“ und „es“, zwischen Selbst und Umwelt unterscheiden.

0X, X1, X2 und X3 besitzen jedoch keine reale Existenz! Das Einzige, das wirklich existiert, ist das lebende Universum, das durch die Lebewesen gebildet wird. Leben existiert! Leben wirkt!

Martinus schreibt über das Universum: „Alles, was überhaupt existiert, ist ein lebender, arbeitender Organismus.“ (LB7, 2658.1).

Die X-Analysen sollen erklären, was Leben ist und wie das Leben funktioniert. Martinus betont, dass das Lebewesen eine unteilbare Einheit bildet, die nur in der Analyse in drei Teile geteilt werden kann: X1, X2 und X3 (LB6, 2164, 2185, 2282, 2344).

So existieren 0X und die drei X nicht wirklich; sie sind nur Benennungen in Martinus’ Erklärung des Lebens. Eine Erklärung des Lebens ist nicht das gleiche wie das Leben selbst.

Martinus: „Alle existierenden Lebewesen, sowohl im Mikrokosmos, als auch im Zwischenkosmos und im Makrokosmos bilden eine verbundene, unteilbare Einheit. Es ist diese Einheit, die wir „das Universum“ nennen. Das Universum ist somit ein lebender, arbeitender Organismus, durch den ein ewig existierendes „Etwas, das ist“ seine unerschütterliche Existenz, seinen Willen, seine Allmacht, seine Allwissenheit und seine Allliebe offenbart, manifestiert oder ausdrückt.“ (LB7, 2637).

Ole Therkelsen

www.oletherkelsen.dk


Übersetzung: Christoph Schönhofer