Artikel
Leben und Tod
von Ole Therkelsen
1. Heute ist der Materialismus ist die tonangebende Philosophie
Der Materialismus ist die tonangebende Philosophie hinter der Wissenschaft von all dem geworden, was technische Errungenschaften mit sich gebracht haben. Der Materialismus steht aber auch hinter einem verarmten Geistesleben und einer verarmten Moral, die mit Ausdrücken wie „Man lebt nur einmal“ oder „Jeder ist sich selbst der Nächste“ charakterisiert werden können. Der Materialismus, der sehr auf Wirtschaftlichkeit fixiert ist, ist zu einer Art „Evangelium des Egoismus“ geworden.
Man kann verschiedene Auffassungen und Meinungen über das Leben haben, aber bei allen Punkten, bei denen man eine verkehrte Auffassung der Realitäten des Lebens hat, kommt man nach Martinus in Konflikt und Disharmonie mit dem Leben. Das Leben selbst korrigiert automatisch alle falschen Auffassungen. Alle Disharmonie, alles Unglück, alles Leid, alle Depressionen und Krankheiten beruhen auf mangelnder Kenntnis der Realitäten des Lebens. Wenn man z.B. glaubt, dass ein Herd kalt ist, während er in Wirklichkeit heiß ist, kann man sich leicht verbrennen. Man kann Materialist sein und glauben, dass man nicht ewig existiert und nur ein einziges Leben hat. Man kann an den Tod und die Materie glauben. Diese Auffassung kann aber auf vielen Gebieten zum Zusammenstoß mit dem Leben führen. Der Glaube an den Tod und die Materie kann insbesondere die Ursache von viel Todesangst und Trauer sein und mehr allgemein zu großer Enttäuschung und Unzufriedenheit über verschiedene Ereignisse des Lebens führen.
Um eine innere Harmonie zu erreichen, muss man lernen, in Harmonie mit der äußeren Welt des lebendigen Weltalls zu leben. Um Harmonie, Gesundheit und Frieden auf der Erde zu schaffen, ist ein Weltbild notwendig, das alle Gesetzmäßigkeiten des Lebens ausdrückt. Die Schaffung eines gerechten internationalen Weltreichs ist nicht nur eine Frage der Entwicklung einer materialistischen Wissenschaft. Es ist in gleichem Maße eine Frage der Schaffung einer Wissenschaft des menschlichen Handelns und Verhaltens.
Was antwortet der Materialismus auf die Fragen: „Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was ist der Sinn des Lebens?“ – Die Antwort ist die, dass es ein Zufall ist, dass wir leben, und dass wir gezwungen sind, die Sinnlosigkeit des Lebens zu akzeptieren!
2. Die physische Welt ist eine materialisierte Gedankenwelt
Die Naturwissenschaft erklärt, dass Gedanken ein Produkt der Materie seien. Martinus nimmt dagegen einen völlig anderen Standpunkt ein indem er behauptet, dass die Materie Material für das Denken sei.
Gedanken haben eine ungeheure Kraft. Martinus’ Analysen zeigen, dass alle zeitlichen Dinge kristallisierte Gedanken sind! Mit intuitiver Einfachheit und Klarheit erklärt Martinus, dass die gesamte physische Welt eine materialisierte Gedankenwelt ist. Im gleichen Artikel „Der Tod und die Gedankenwelt des Menschen“ erklärt er, dass sich ihre Einstellung zu spirituellen Problemen und dem sogenannten Tod ändern würde, sobald die Menschen anfangen, dies zu verstehen.
Wenn es um die von Menschen geschaffenen Dinge geht, wie z.B. Autos, Fenster und Türgriffe, besteht ja kein Zweifel, dass sie materialisierte Gedanken sind. Warum sollten dann die Schöpfungen der Natur, die sicherlich nicht weniger genial sind, nicht auch Ausdruck von Gedanken sein? Alle Lebewesen, die innerhalb der vieldimensionalen Beziehungen des Mikro-, Zwischen- und Makrokosmos agieren, nehmen an dieser Schöpfung der Natur teil.
Materialisten glauben sich identisch mit ihrem physischen Organismus und sehen diesen als Ursprung ihres Denkens und Handelns an. Sie glauben also tatsächlich, dass es der Stoff oder die Materie sei, die denkt und handelt. In letzter Konsequenz bedeutet diese Art zu Denken, dass das Erschaffene seinen Schöpfer erschafft oder dass die Dinge sich selbst erschaffen. Dies steht ganz im Gegensatz zur Wirklichkeit, und in diesem Punkt ist der Materialismus eher ein Ausdruck für Aberglauben als für Wissenschaft.
Martinus setzt dagegen: „Es gibt nichts im Erfahrungsmaterial des Erdenmenschen, das beweist, dass etwas sich selbst erschaffen kann“. (LB3, 689).
3. Ist der Untergang des Körpers ein Beweis für das Ende des Lebens?
Wenn wir sterben und der Organismus sich in einen Leichnam verwandelt, ist dies laut Martinus nicht auf das Ende des Lebens zurückzuführen, sondern einfach darauf, dass die Maschine, die zum Ausdruck des Lebens in der physischen Welt konstruiert wurde, nicht mehr funktioniert. Dass ein Auto verschrottet wird, ist ja kein Beweis für den Tod seines Besitzers. Er kauft sich sicher ein neues und besseres Modell. Wenn der Fernseher nicht mehr arbeitet und wir kein Programm mehr sehen können, ist das ja kein Beweis dafür, dass der Fernsehsender nicht mehr existiert oder die Übertragung eingestellt hat. Geht eine Glühbirne entzwei, ist das auch kein Beweis dafür, dass der elektrische Strom nicht mehr fließt.
Selbst wenn wir lebende Pflanzen und Tiere um uns herum sehen können, gibt es kosmisch gesehen eigentlich kein Leben auf der physischen Ebene. Tatsächlich ist das, was wir sehen, Geist, der leblose, physische Partikel benutzt. Das augenscheinliche Leben auf der physischen Ebene ist darauf zurückzuführen, dass das „Ich“ und dessen geistige Strukturen sich der physischen Materie bedienen, um auf dieser Ebene zu erleben und zu erschaffen. Es gibt einen Urheber hinter allen Wörtern und Handlungen, es gibt eine Kraft oder Elektrizität, die sich während der Schwangerschaft in den Embryo allmählich eindringt. Beim Tode trennt sich wieder diese Kraft oder Elektrizität vom physischen Körper.
Der Tod spielt im Denken der materialistisch eingestellten Menschen eine wesentliche Rolle. Sie verleugnen die geistige Welt, die es ihnen ermöglicht, mit der physischen Materie zu jonglieren und ihren eigenen physischen Körper und den der anderen zu erleben. Der Materialist streitet die Existenz eines Seelenlebens ab, das ihm erlaubt, zu denken und alles zu verneinen. Martinus argumentiert, dass ein Klumpen Materie, der in der Lage ist zu behaupten, dass das Leben nicht existiert, unmöglich ein Beweis für diese Behauptung sein kann. Je mehr jemand die Existenz des Lebens bestreitet, je mehr Energie er darein steckt, Gedanken und Wörter zu formen, um zu beweisen, dass wir nur physische Körper seien, desto mehr beweist er das Gegenteil, nämlich dass das Leben existiert (siehe LB4, 1401).
Selbst mineralische Materie ist von Geist durchdrungen. Martinus schreibt: „Kein Lebewesen kann sein physisches Dasein ohne Hilfe von Materie oder Stoff aufrechterhalten. Aber was ist Stoff? Stoff oder Materie ist das vornehmste Ausdrucksmittel des Lebens. Dieser Zustand des Stoffes wird kraft der Tatsache aufrechterhalten, dass alle Materie bzw. aller Stoff von Geist durchdrungen ist. Aber dieser Stoff ist nicht immer im gleichen Maße von der Geisteskraft durchdrungen. Dort, wo Geist in nur sehr geringem Maß die Materie durchdringt, wie in den Mineralien, zeigt sie einen so geringen Grad an Bewegung und Schwingung, dass sie fast als leblos erscheint“ (LB6, 2141).
Der Stoff ist das vornehmste Ausdrucksmittel des Lebens.
Symbol Nr. 7, Das Lebenseinheitsprinzip
Dieses Symbol von Martinus soll zeigen, dass das ganze Weltall ein lebendiger Organismus ist, der aus Lebewesen innerhalb von Lebewesen besteht. Das Lebewesen hat drei Aspekte: X1, X2 und X3. Das Dreieck symbolisiert X1, das Ich oder den „Schöpfer“. Das große weiße Feld in der Mitte symbolisiert X2, das Überbewusstsein oder die „Schöpfungsfähigkeit“, und das Feld außen herum ist X3, der Organismus oder das „Erschaffene“. Die Wiederholung des Symbols in kleineren Formaten zeigt, dass sich die Lebewesen innerhalb voneinander befinden. Unser Körper besteht aus Organen, die aus Zellen bestehen, die aus kleineren Mikrowesen aufgebaut sind, was sich so unendlich in den Mikrokosmos fortsetzt. Auf dieselbe Weise ist der Mensch selbst ein Mikrowesen im Organismus der Erde, die eine Zelle im Sonnensystem ist, das eine Zelle in der Galaxie ist, was sich so in den Makrokosmos unendlich fortsetzt. © Martinus-Institut
4. Wie soll man aus den Erfahrungen früherer Leben Nutzen ziehen können, wenn man sich nicht an sie erinnert?
Der Geisteswissenschaft zufolge kann man sich die Erfahrungen aus früheren Leben dank zweier Prinzipien zunutze machen, dem Talentkernprinzip und dem Repetitionsprinzip. Mit Hilfe des Talentkernprinzips kann das in der Vergangenheit erlangte Wissen und Können in Form angeborener Talente und Instinkte von Leben zu Leben überführt werden. Beim Repetitionsprinzip wird diese schlummernde Information in den Talentkernen zu Anfang im Embryonalstadium und später in der Kindheit und Jugend aktiviert. Bei diesem schnellen Durchgang oder Wiedererleben früherer Stadien der Entwicklung wird das alte Wissen und Können ins Tagesbewusstsein des jetzigen Lebens gebracht. Die Talentkerne, die die alten Daten und Programme repräsentieren, werden in einem neuen Körper oder einen neuen „Computer“ durch Repetition früherer Entwicklungsstufen eingelesen.
Dass man in der Kindheit und Jugend praktisch seine früheren Stadien der Entwicklung wieder erlebt, wird von Pädagogen und anderen Fachleuten bestätigt, die viele Zusammenhänge zwischen den Entwicklungsstufen des Kindes und früheren Stufen in der Entwicklung der Menschen und der Affen feststellen können. Die Voraussage ist, dass die Forschung Martinus’ Analysen des Talentkern- und Repetitionsprinzips in der Zukunft mehr und mehr bestätigen wird (LB2 424-427 und LB5, 1878-1879.
5. Gibt es in der Biologie etwas, das auf eine Repetition frühere Entwicklungsstufen hinweist?
In der Biologie spricht man von der Ontogenese, die die Entwicklung des Individuums vom befruchteten Ei bis hin zum Erwachsenenstadium bezeichnet, und der Phylogenese, die die millionenjährige Entwicklung von primitiven einzelligen Stadien bis zu den heutigen spezialisierten Organismustypen beschreibt. Kurz gesagt handelt die Ontogenese von der Entwicklung des Individuums und die Phylogenese von der Entwicklung der Art.
Die vergleichende Anatomie beschäftigt sich nicht nur mit dem Vergleich der Arten, sondern auch mit dem Vergleich von Ontogenese und Phylogenese. Man vergleicht also die Entwicklung des Individuums vom Ei zum Erwachsenenalter mit der millionenjährigen Entwicklung der Art. Das Interessante daran ist, dass eine große Ähnlichkeit zwischen der Entwicklung vom Ei zum Erwachsenen und der Entwicklung vom einzelligen Organismus zu komplexeren Formen besteht. Dieses Faktum bestätigt die Richtigkeit von Martinus‘ Repetitionsprinzip, wonach ein Individuum während der Entwicklungsstufen als Embryo und als Jugendlicher seine eigene Vergangenheit durch das Wiedererleben früherer Stadien repetiert. Ohne auf das Gedächtnis zurückzugreifen, können dank des Prinzips der Repetition frühere Entwicklungsstufen im Tagesbewusstsein des jetzigen Lebens wachgerufen werden.
Ein Menschenembryo hat in einem gewissen Stadium seiner Entwicklung rudimentäre Kiemen, weil die Menschenart in ihrer Evolution auch einmal das Fisch-Stadium durchlaufen hat. Martinus erwähnt die Repetition des Fisch-Stadiums des Menschen nur in wenigen Sätzen: „Er repetiert während der Embryonalzeit unter anderem sogar eine Art Fisch-Stadium. Aber jedes Wiedererleben dieser Vorzeitzustände während der Entwicklung des Embryos dauert nur eine ganz kurze Periode, um dann dem Wiedererleben eines noch höher entwickelten Vorzeit-Zustands Platz zu machen usw., bis das Wesen jenen Zustand erreicht hat, der wiederum von seinem jetzigen normalen abgelöst werden kann.“ (LB2, 424).
Etwas später schreibt er, dass die Repetition nicht ganz konkret geschieht, sondern nur im Prinzip: „Das Kiemen- oder Fischdasein, das das Wesen später im Embryozustand repetiert, gleicht ja auch nicht ganz dem Fisch- oder Kiemendasein, das in den Wassermassen des Ozeans außerhalb des Eies oder des Gebietes der Gebärmutter existiert.“ (LB2, 427).
Ebenso wie das Säugetier einen Schwanz hat, hat der 12 Wochen alte Menschenembryo ebenso die Anlage zu einem Schwanz. Kaninchen-, Pferde-, Affen- und Menschenembryos gleichen sich in den ersten Stadien erstaunlich, da sie die gemeinsame Vergangenheit der Wirbeltiere von den primitiven Entwicklungsstadien an durchlaufen
Schon bevor die Entwicklung des Embryos beginnt, befindet sich alles Wissen und Können der Vergangenheit als eine Art eingefrorene oder latente Information in den Talentkernen, die durch Repetition schrittweise aktiviert wird. Im Embryozustand oder in der Kindheit werden also die primitiven Stadien der Art repetiert, dadurch aktiviert und in das Tagesbewusstseins des jetzigen Lebens überführt. Durch sehr viele Wiederholungen wird der Prozess automatisiert oder instinkthaft, so dass auch die Entwicklung des Embryos automatisch und unbewusst abläuft. Je öfter etwas wiederholt wurde, desto schneller findet die Wiederholung das nächste Mal statt, und die Stadien der fernen Vergangenheit werden äußerst schnell repetiert.
6. Wie sieht Martinus die Begriffe Erbe und Umwelt?
Sehr vereinfacht könnte man sagen, dass das Erbe dem Talentkernprinzip entspricht und die Umwelt dem Repetitionsprinzip. Der genetische wie auch der soziale Determinismus sind Produkte der Summe der Erfahrungen aus der ewigen Vergangenheit des Menschen.
Im Allgemeinen sagt man, dass das Erbe von den Genen der Eltern abstammt. Aber gräbt man etwas tiefer, sieht man, dass es die eigenen geistigen Talentkerne des Individuums sind, die hinter der Wahl ihrer physischen Gegenstücke in den Genen der Eltern stecken.
In Bezug auf die Umwelt zeigen die kosmischen Analysen, dass es kein Zufall ist, in welche Umwelt man hineingeboren wird. Ohne in die Details dieser Problematik zu gehen, soll nur erwähnt werden, dass es eine Gesetzmäßigkeit gibt, die sicherstellt, dass wir in einem ganz bestimmten Umfeld leben. Diese Gesetzmäßigkeit arbeitet genau so sicher wie die elektrischen und magnetischen Gesetze der Anziehung und Abstoßung, von denen wir im Physikunterricht gehört haben. Dies hängt damit zusammen, dass die psychischen und mentalen Strukturen des Wesens gerade von dieser elektro-magnetischen Natur sind. Es ist somit kein Zufall, in welcher Familie und welcher Stadt, in welchem Land und Kontinent wir geboren werden. Das Individuum wird in genau einem solchen Umfeld geboren, dass es in seiner Kindheit und Jugend in einem hohen Tempo die früheren Entwicklungsstufen wiedererleben kann, damit es sich dieser Leben früherer Entwicklungsstadien hirn- bzw. tagesbewusst wird, ohne sich an sie zu erinnern. Kosmisch gesehen ist die Umwelt auch eine Art Erbe, weil das Individuum durch Repetition in seiner Umwelt sein Wissen und Können früherer Entwicklungsstadien auffrischt. Die ewige Vergangenheit des Individuums ist die tiefste Ursache sowohl seines Erbes als auch seiner Umwelt.
Mein genereller Eindruck zur heutigen Forschung ist, dass das Erbe als Erklärungsprinzip auf Kosten der Umwelt einen immer größeren Raum einnimmt, weil die neuere Forschung oft dokumentiert hat, dass eine Eigenschaft, von der man früher glaubte, sie habe ihre Ursache in der Umwelt, sich nun als von einem Gen getragen erweist. Die Forscher entdecken immer mehr Gene, die nicht nur die Intelligenz bestimmen, sondern auch andere mentale Eigenschaften. Es scheint mir, dass die Rolle des Erbes immer deutlicher wird, was den kosmischen Standpunkt bestätigt, dass wir mit dem Erbe unserer eigenen Vergangenheit geboren werden.
Repetition und angeborene Talente sind die beiden Prinzipien, die eine schrittweise Entwicklung in den physischen Zonen der ewigen Evolution sicherstellen, wo der Körper als ein physisches Werkzeug für das Erleben und Handeln ausgetauscht wird und in gewissen Abständen auf neuesten Stand gebracht werden muss – genau wie andere verschlissene Werkzeuge mit der Zeit ausgetauscht werden müssen.
Erbe und Umwelt bilden kosmisch gesehen einen einzigen Faktor, der sicherstellt, dass die früher erworbenen Eigenschaften des Wesens in das Tagesbewusstsein seines jetzigen Lebens überführt werden.
7. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Befruchtung und dem Tod?
Wenn das Bewusstsein im Körper ist, ist der Körper lebendig. Hat das Bewusstsein den Körper verlassen, haben wir einen Leichnam. Es ist ein Faktum, dass der Organismus und das Bewusstsein zwei verschiedene Dinge sind. Die Existenz eines lebenden Organismus und eines Leichnams zeigt also, dass das Bewusstsein an einen Organismus gebunden sein kann, und es kann ohne Bindung an einen Organismus sein. Der Organismus ist aus physischem Stoff aufgebaut, während das Bewusstsein anderer Natur ist. Das Bewusstsein kann nicht mit dem physischen Auge gesehen oder gemessen und gewogen werden, aber es kann indirekt durch seine Wirkungen im physischen Organismus erkannt werden.
Man sagt oft, dass die Seele den Körper beim Tod verlässt. Martinus spricht von einem „Etwas“, dass sich beim Tode vom Körper löst und diesen als Leichnam hinterlässt, der dann sofort zu zerfallen beginnt. Genauso wie wir gesehen haben, dass dieses „Etwas“ aus einem Körper hinausgehen kann, so sehen wir, dass es nach der Befruchtung in einen Organismus hineingehen kann.
Martinus: „Wir sehen, wie dieses ‚Etwas‘ immer mehr in einen Fleischklumpen in Form eines Embryos eindringt, ihn sich entwickeln und wachsen lässt, zuerst bis zur physischen Geburt, wo es den Mutterleib verlässt. Danach schließt es sich mehr und mehr in dem betreffenden physischen Organismus ein, entwickelt diesen durch die Kindheit, die Jugend und das Reifealter hindurch und fängt dann, im Stadium des Alters, wieder an, den Körper zu verlassen, was in Wirklichkeit nur ein langsamer physischer Sterbeprozess bzw. die Umwandlung zu einem Leichnam ist. Wir sehen dieses ‚Etwas‘, das auf diese Weise den Körper in Besitz nimmt und ihn von dem einen Zustand in den anderen umformt, nicht direkt, aber wir können nicht leugnen, dass seine Existenz eine Tatsache ist, weil es dieses ist, das dem Körper oder dem Organismus Leben gibt.“ (LB4, 1402).
8. Warum ist der Tod eine Notwendigkeit in der Evolution?
Materialistische Forscher glauben, dass wenn der physische Körper stirbt, das den absoluten Tod oder das absolute Ende des Lebenserlebens und des Daseins des Individuums bedeutet. Martinus behauptet dagegen, dass der physische Organismus nicht das wirkliche Lebewesen ist und dass dieses Wesen nicht stirbt, nur weil es den physischen Körper verliert. Im Gegenteil betrachtet er die Befreiung von einem alten oder ruinierten physischen Körper durch den Sterbeprozess als Voraussetzung für eine weitere Entwicklung und Verwandlung. Der physische Organismus ist eine Maschine oder ein vorläufig hergestelltes Werkzeug, das den besonderen Lebensbedingungen der aktuellen Entwicklungsstufe angepasst ist. Er ist genau wie alle anderen physischen Gegenstände dem Zahn der Zeit in Form von Alterung und Verschleiß unterworfen. Das Alter ist die natürliche Todesursache, weil der Körper nach und nach so geschwächt und hinfällig wird, dass er nicht länger als Werkzeug für ein physisches Lebenserleben und eine schöpferische Tätigkeit verwendet werden kann. Martinus schreibt über den Segen des Organismusaustauschs, der bedeutet, dass der hinfällige Alte wieder eine strahlende Jugend erleben, sich in einem neuen Mannesalter schaffend beweisen und in einem neuen seligen Alter ausruhen kann (Siehe LB3, 748).
Der allerhöchste Kern des Lebens, X1 und X2, oder das Ich und das Überbewusstsein, ist niemals erschaffen worden, und dieser Kern kann darum den Untergang des physischen Körpers überleben. Martinus schreibt, es wäre nicht so gut, wenn der verfeinerte und humane Kulturmensch durch den Organismenaustausch nicht schon längst von seinen früheren Echsen-, Affen- und primitiven Menschenorganismen befreit wäre. Aber es war notwendig, diese früheren, primitiven Entwicklungsepochen zu durchlaufen, um zur jetzigen hohen Entwicklungsstufe des Menschen zu gelangen. Der Sterbeprozess ist ein unverzichtbares Glied in der Schöpfung des wahren Menschen. Martinus schreibt: „Der Tod ist eine Lebensbedingung für das Erreichen der höchsten körperlichen und mentalen Vollkommenheit.“ (Buch Nr. 25, Kap. 23).
9. Wählt man seine eigenen Eltern?
Man wählt seine Eltern nicht durch einen bewussten Prozess, sondern durch einen automatischen, gesetzmäßigen Prozess, bei dem die spezifischen Talentkerne automatisch von den korrespondierenden physischen Genen angezogen werden. Das Kind ist auf der gleichen „Wellenlänge“ wie die Eltern. Die Anziehung, die zwischen Kind und Eltern besteht, ist auf eine gewisse schicksalhafte Gemeinsamkeit und einer gewissen Ähnlichkeit auf anderen Gebieten zurückzuführen. Die Beziehungen zwischen den physischen Genen und den Talentkernen wird von Martinus im Zusammenhang mit dem Paarungsakt und der Empfängnis ausführlicher beschrieben (DEW4, 34.16-34.20).
Die Talentkerne sind geistiger oder strahlenförmiger Natur, und wenn wir die Welt der Gene betreten, also die Welt der Moleküle, Atome oder Elektronen, so begeben wir uns auch in eine elektromagnetische Welt mit Gesetzen der Anziehung und Abstoßung. Durch eine geistige Selektion wählt das Kind gemäß dem Anziehungs- und Abstoßungsgesetz gerade die Eltern, die die Gene liefern, die zu seinen eigenen Talentkernen passen.
Wird ein Wesen von der geistigen Ebene bei der Empfängnis zu einem Elternpaar und einem befruchteten Ei hingezogen, geschieht dies durch automatische Funktionen, die außerhalb des Tagesbewusstseins liegen. Die geistigen oder primären Talentkerne werden von deren sekundären Kopien in den physischen Genen im befruchteten Ei angezogen.
Martinus: „Wenn eine Samenzelle und eine Eizelle miteinander eine Verbindung eingehen, wird das diskarnierte geistige Wesen an diese Verbindung im Mutterleib gebunden, und hier wird die Aura oder die Ausstrahlung von Samenzelle und Eizelle von der Aura oder der Ausstrahlung des diskarnierten Wesens überschattet. Die Schöpfung eines neuen physischen Organismus nimmt ihren Anfang. Die Mikrotalentkerne für die Schöpfung eines neuen Organismus, die in der Samenzelle und der Eizelle der Paarungswesen niedergelegt sind, werden jetzt nach und nach immer mehr von der geistigen Kraft des diskarnierten Wesens beherrscht. Da diese geistige Kraft vom eigenen Talentkernsatz dieses Wesen ausstrahlt, wird dieser nach und nach die Führung über den bei den Paarungswesen vorhandenen Talentkernsatz übernehmen und dadurch die Schaffung eines physischen Organismus ganz zugunsten des diskarnierten Wesens weiterführen.“ (DEW4, 34.19).
Selbst bei der Geburt haben die geistigen Talente noch nicht ihren vollständigen physischen Ausdruck bekommen. Dies geschieht erst, wenn das Neugeborene über das Embryostadium hinaus auch die Kindheit und die Jugend durchlebt hat. Es sind ja nicht alle Fähigkeiten und Talente, die sich gleich bei der Geburt zu erkennen geben. Es geht ja um ein Wesen, das früher erwachsen war, und sich schrittweise einen neuen erwachsenen Organismus schafft, indem es zuerst das Embryo-, das Kindheits- und das Jugendstadium durchläuft.
Martinus: „Erst beim Eintritt in das Reifestadium im Alter von dreißig Jahren ist der physische Körper des gewöhnlichen Erdenmenschen vollständig reif oder fertig aufgebaut, und erst dann kann sich sein wahrer Charakter und Entwicklungsstand ganz geltend machen. Erst wenn das Wesen diesen Reifezustand erreicht hat, kann man seinen Charakterzustand völlig beurteilen, da dieser bis dahin in großem Ausmaß nur eine Wiederholung von weniger entwickelten Charakterstufen ist, die das betreffende Wesen eigentlich in früheren Leben überwunden hat.“ (Beisetzung, Kap. 149).
10. Wie wird das Kind bei der Empfängnis ausgewählt?
Jeder Mensch hat seine eigene Schwingung oder Wellenlänge, und laut Martinus hat ein Elternpaar eine gemeinsame Schwingung in Form einer Art gemeinsamer Ausstrahlung von Verliebtheit oder einer Paarungsaura. Genau wie bei einem Radio, bei dem man auf einer bestimmten Frequenz ein bestimmtes Programm empfängt, zieht ein Elternpaar einen bestimmten Menschen an, der die gleiche Schwingung oder Frequenz wie ihre gemeinsame Paarungsaura hat. Es ist diese Gesetzmäßigkeit, die dafür sorgt, dass jedes Wesen am richtigen Ort geboren wird.
Durch das Gesetz der Anziehung und der Abstoßung wird sichergestellt, dass Menschen nur Menschenkinder bekommen, Affen Affenjunge, Hunde Hundewelpen und so weiter (DEW4, 34.16 und Die ideale Nahrung, Buch 5, Kap. 9). Dieses Gesetz stellt sicher, dass wir in dem biologischen Material geboren werden, das unseren eigenen Talenten entspricht. Ein Mensch wird nicht in irgendeinen Menschenkörper geboren. Er wird nur in einem genetischen Material geboren, das seine eigenen Eigenschaften gänzlich widerspiegelt. Bei der Empfängnis handelt es sich um die Anziehung durch die geistige Ausstrahlung der Paarungswesen auf Grund der Gleichheit im gesamten Bereich der Talentkerne, die über den Körper hinaus auch Begabung, Charakter und Benehmen umfasst (siehe DEW4, 34.16).
11. Was sind die Konsequenzen einer ewigen Lebensanschauung?
Die Grundlage der Geisteswissenschaft ist, dass das Leben ewig ist, und daraus folgt, dass das Leben gerecht, logisch und liebevoll ist. Nur eine ewige Perspektive kann es vernünftig einleuchtend machen, dass das Leben gerecht, logisch und liebevoll ist. Im großen Universum ist jedes Detail wie ein kleines Zahnrad, das im ewigen Lauf des Lebens seine spezifische Funktion hat. Alles hat in einer ganzheitlichen und ewigen Perspektive seinen Sinn. Auf lange Sicht gleicht sich alles in Harmonie selbst aus. Alles in der Gegenwart lässt sich auf dem Hintergrund der ewigen Vergangenheit erklären.
Die logische Konsequenz einer Ein-Leben-Theorie ist, dass das Leben ungerecht, unlogisch und lieblos ist. Das Leben ist ebenso sinnlos wie das absurde Theater, das von den Existenzphilosophen postuliert wird, die einen völlig logischen und korrekten Schluss aus ihrer Hypothese eines einzigen physischen Lebens gezogen haben.
Auch wenn Martinus im üblichen philosophischen Sinn kein Existenzialist war, bin ich versucht zu sagen, dass er der ultimative, kompromissloseste und stimmigste Existenzialist in der modernen Literatur ist. Das Leben ist! Das Leben existiert! Das lebende Universum existiert bedingungslos, d.h. ohne Ursache!
Und wie der Existenzialismus kommt auch die Martinus Kosmologie zu dem Schluss, dass es eine gute Idee ist, die Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen!
12. Was ist der Sinn des Lebens?
Der deutsche Philosoph Max Weber (1864–1920) glaubte, dass die Menschen ein grundlegendes Bedürfnis haben, in einer sinnvollen Welt zu leben, und dass die zwei größten und völlig unerlässlichen Fragen aller Metaphysik sein müssen: Was ist der Sinn des Lebens und was der Sinn der ganzen Welt? Auf diesem Hintergrund ist es interessant, dass Martinus diese zwei großen metaphysischen Fragen in einfachen Begriffen beantworten kann:
1. Der Sinn des Lebens ist das ewige Erleben des Lebens
2. Das gesamte Universum ist ein lebender und tätiger Organismus
Der Sinn des Lebens ist, dass das ganze Universumswesen ein ewiges Erleben des Lebens hat, während es gleichzeitig den individuellen Lebewesen, die es konstituieren, Raum für deren eigenes ewiges Leben gibt. Das Universumswesen erneuert sein Leben durch die sich ständig verändernden Erfahrungen seiner individuellen Glieder.
Der Sinn des Lebens kann nicht sein, ein spezielles Ziel zu erreichen, weil das Leben dann einen Abschluss, ein Ende haben würde. Im Gegenteil, der Sinn des ewigen Lebens ist ganz einfach ewiges Erleben und ewige Unterhaltung. Es wird von den Lebewesen dadurch aufrecht erhalten, dass sie Zugang zu den zwei großen Kontrasten des Lebens haben, nämlich Licht und Dunkelheit, die spirituellen und die physischen Welten. Liza Minnelli drückt eine kosmische Wahrheit aus, wenn sie singt: Das Leben ist ein Kabarett, weshalb dieses Lied ein Evergreen geworden ist. Der Sinn des Lebens ist Erleben und Unterhaltung. Leben ist ein Kabarett oder Theater. In „Das Schicksalsspiel des Lebens“ (Buch Nr. 18) verwendet Martinus diese Analogie aus der Welt des Theaters ebenfalls.
Wie dieses Lied werden alle Formen der Kunst, die die ewigen Wahrheiten des Lebens ausdrücken, Evergreens und Klassiker. Martinus sagt uns, dass die Wahrheiten und die gesetzmäßigen Erscheinungen des Lebens der Ausdruck hoher Intellektualität sind, und er definiert die Kunst kurz gesagt wie folgt: „Kunst ist die Fähigkeit, hohe Intellektualität in Materie zu verkörpern“ (LB4, 1150).
Ein-Leben-Theorie: Das Leben ist ungerecht, unlogisch und lieblos
Ewiges-Leben-Theorie: Das Leben ist gerecht, logisch und liebevoll
Ole Therkelsen
www.oletherkelsen.dk
Übersetzung ins Deutsche von Dr. Christoph Schönhofer