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Nächstenliebe und Christus-Moral

von Ole Therkelsen

1. Ein Werk, das die Welt verändern kann

Das Werk von Martinus ist so bedeutsam, dass es zu einer Veränderung der Welt beitragen und die Basis für die Schaffung einer ganz neuen Weltkultur mit einer neuen Weltmoral liefern kann.

In der materialistischen Wissenschaft wird nur die Materie als real und objektiv angesehen. Heutzutage ist es nicht nur die Wissenschaft sondern auch die gesamte Gesellschaft, die vom Materialismus beherrscht werden. Das Wort Materialismus wird hier im erkenntnistheoretischen Sinn verwendet, bei dem nur die Materie als real betrachtet wird, und nicht im wertenden Sinn des Strebens vor allem nach Erlangen materieller Güter. Da die Wissenschaft mit all ihren bedeutenden Entdeckungen und technologischen Fortschritten großen Erfolg gehabt hat, hat man gedacht, dass die materialistische Anschauung sich als wahr erwiesen habe.

Der Materialismus ist für die Wissenschaft mit all den technischen Errungenschaften, an denen sie beteiligt gewesen ist, die führende Philosophie geworden. Aber der Materialismus steht auch für ein verarmtes geistiges Leben und eine dürftige Moral, die mit Ausdrücken wie „du lebst nur einmal“ und „jeder für sich“ gekennzeichnet werden kann. Die „Ein-Leben“-Theorie ist das Evangelium des Egoismus.

Wenn wissenschaftlich bewiesen werden könnte, dass es besser ist, zu geben statt zu nehmen, wäre dies von großer Wichtigkeit für die gesamte globale Sicht der Moral darauf, was gut und böse oder richtig und falsch ist.

Die gesamten Werke von Martinus stellen genauso eine geistige Wissenschaft dar, die die Logik der Nächstenliebe demonstriert. Martinus’ Werk beinhaltet ein intellektualisiertes Christentum bzw. ein Christentum, das zur Wissenschaft wird, indem es zeigt, dass Christi Worte und Verhalten mit der höchsten Form der Logik und Wissenschaft übereinstimmen. Martinus bezeichnet Christus als moralisches Genie; es gibt auf moralischem Gebiet nichts Höheres. Die Moral, die Christus praktizierte, ist in Wahrheit die neue Weltmoral, die schließlich die vorherrschende Moral auf dem gesamten Planeten werden wird. Es ist nicht die alte Moral von Rache und Vergeltung, die die Welt vor Krieg und Zerstörung bewahren wird, sondern im Gegenteil die christliche Moral.

2. Die Auswirkungen von selbstsüchtigen und egoistischen Lebensstilen

Die Evolution des physischen Körpers ist das wichtigste Thema der biologischen Evolutionslehre, während die Evolution des Bewusstseins in Richtung universeller Liebe das wichtigste Thema in Martinus’ Evolutionslehre darstellt.

Das Reinkarnationsprinzip gewährleistet die Evolution, weil es die ständige Ansammlung von Erfahrung und praktizierter Fertigkeiten aus früheren Leben ermöglicht. Diese Erfahrungen und Fertigkeiten werden in Talentkernen gespeichert und aufrechterhalten, die geistige Organe oder „Mikrochips“ sind, die im ewigen Teil der Struktur des Wesens gelegen sind, der den Tod des Körpers überlebt. Alle erlernten und erworbenen Eigenschaften können so in das nächste Leben übertragen werden. Das Alpha und Omega in Martinus’ Evolutionslehre heißt: Übung macht den Meister!

Das höchste und wichtigste Talent, das ein Mensch entwickeln kann, ist Menschlichkeit bzw. Liebe. Dies ist der Kern der gesamten Evolution vom Tier zum Menschen, vom Egoismus zu universaler Liebe.

In der Natur ist sowohl der Mensch als auch das Tier gezwungen zu kämpfen und andere zu besiegen, um zu überleben. Diese eigennützige Lebensart bringt allerdings ein Schicksal mit sich, durch welches man die vielen Leiden, die man anderen zugefügt hat, selbst erleben wird. Alle die vielen Leiden auf der Erde sind nicht umsonst, weil sie die Erfahrungen verschaffen, die nötig sind, um alle Wesen in der menschlichen Entwicklung weiterzuführen. Wenn man selbst Schmerz gefühlt hat, entwickelt man ein Talent des Mitgefühls; wenn man gelitten hat, entwickelt man Mitleid. Sympathie, Mitleid, Menschlichkeit und Nächstenliebe sind Qualitäten oder Fähigkeiten, die als Talentkerne in dem ewigen Teil des Bewusstseins gespeichert werden.

Schmerz und Leiden bringen der Menschheit so das göttlichste Geschenk, das sie erlangen kann, nämlich Menschlichkeit und Nächstenliebe.

3. Das dritte Geschlecht

Ein großes Thema in der Kosmologie ist die Entwicklung in den letzten 3500 Jahre mit dem Alten und dem Neuen Testament sowie die Entwicklung in den nächsten 3000 Jahre mit dem Dritten Testament. Das, was die Menschen schließlich lernen müssen, ist, zum Nutzen für alles was lebt zu sein, Glück und Segen zu bringen, und das bedeutet, in Harmonie mit dem Gesetzt des Lebens bzw. dem großen Liebesgebot „Liebet einander!“ zu leben.

Das menschliche Bewusstsein und die menschliche Sexualstruktur erleben während dieser Jahrhunderte eine große Transformation. Martinus hat dies auf mehr als 500 Seiten beschrieben, die den gesamten Band des Livets Bog 5, Zwei Arten der Liebe sowie Das ewige Weltbild 3 mit dem Symbol Nr. 33 ausmachen.

Schon im Jahre 1932 diskutiert Martinus in LB1, 130-132, die sexuelle Transformation des Erdenmenschen, die in drei Hauptabschnitten stattfindet: die Zone der glücklichen Ehe, die Zone der unglücklichen Ehe und die Zone der Unfruchtbarkeit. Diese Evolution vom Tier zum Menschen, von Egoismus zum Altruismus, von der parteiischen Liebe und dem Sichverlieben zur unparteiischen universellen Liebe, folgt den Gesetzen der Natur bzw. dem Fahrplan der Evolution.

Die Ankunft eines neuen Menschenwesens kann heutzutage unter anderem darin gesehen werden, wie Männer und Frauen anfangen, sich immer ähnlicher zu werden. Das Maskuline nimmt bei den Frauen zu und das Feminine bei den Männern, was die organische Grundlage für die beginnende Evolution der Gleichheit der Geschlechter ist. Die Evolution vom Tier zum Menschen ist laut Martinus nicht nur natürlich sondern auch ein unvermeidbarer Prozess in der Schaffung des „fertigen Menschen im Bilde Gottes“, der ein doppelpoliges Wesen mit dem maskulinen und femininen Pol in völligem Gleichgewicht ist. Der fertige Mensch liebt alle und hat keine Favoriten, weil seine Doppelpoligkeit keine organisch-mentale Basis mehr hat, um ein Geschlecht dem anderen vorzuziehen. Die Gottheit, die die Summe aller Lebewesen ausmacht, ist daher in sich selbst ebenfalls doppelpolig.

Vielleicht die größte Überraschung in der Martinus Kosmologie besteht darin, dass gemäß den Gesetzen bzw. dem Fahrplan der Evolution ein neues Geschlechtein drittes Geschlecht entstehen soll. Man nimmt es als gegeben an, dass es in der Vergangenheit Männer und Frauen gegeben hat, dass es heutzutage Männer und Frauen gibt, und dass es in der Zukunft weiterhin Männer und Frauen geben wird. Aber laut Martinus werden Männer und Frauen nicht fortbestehen; wie erwähnt wird ein drittes Geschlecht entstehen! Das dritte Geschlecht stellt sich als das doppelpolige Geschlecht dar, bei dem in seinem voll entwickelten Stadium das Maskuline und das Feminine ausgeglichen sind. Männliche und weibliche Wesen, Männer und Frauen, sind Halbgeschlechtswesen, die in gegenseitiger Abhängigkeit voneinander leben.

Die Evolution des zunehmend doppelpoligen Menschen, der in der Endphase komplett und völlig unabhängig wird, zeigt sich statistisch darin, dass immer mehr Erwachsene alleine leben. Es liegt auch an der fortschreitenden Evolution der Doppelpoligkeit, die dazu führt, dass man schließlich Sympathie für das eigene Geschlecht haben kann. Gemäß Martinus’ Analysen wird dem doppelpoligen Bewusstseinsstadium auf einer späteren Evolutionsstufe eine neue doppelpolige Organismusart folgen. (Siehe LB5, 1886-1918).

Martinus’ Voraussage über die Evolution der doppelpoligen Menschen könnte wissenschaftlich dokumentiert werden, indem bestimmte menschliche Qualitäten im Geschichtsverlauf aufgezeichnet würden. Eine solche geplante bzw. gesetzgebundene Evolution vom instinktiven und einpoligen Tier bis zum intellektuellen und doppelpoligen Menschen ist gänzlich außerhalb des Rahmens des Darwinismus, der einzig auf Zufall und natürlicher Auslese beruht. Auf diesem Gebiet können die Analysen von Martinus als einzigartig gelten, und es gibt, wie erwähnt, ideale Möglichkeiten, sie anhand wissenschaftlicher Studien zu überprüfen.

Einpoligkeit ist die Anatomie des Krieges

Doppelpoligkeit ist die Anatomie des Friedens

4. Das doppelpolige Christuswesen

Martinus’ Analysen zufolge gehörte Christus dem dritten Geschlecht an. Er war doppelpolig mit dem femininen und dem maskulinen Pol in völligem Gleichgewicht (LB5, 1892-1895). Obwohl Christus einen männlichen Körper hatte, war seine Mentalität völlig doppelpolig und allliebend. Doppelpoligkeit ist nämlich die organische Voraussetzung, um eine völlig unparteiische Liebe in Form der Nächstenliebe zu praktizieren.

Die Analysen zeigen, dass universelle Liebe und Sexualität das gleiche Prinzip ausmachen, und Martinus spricht an der Stelle, wo er schreibt, dass Jesu Herz kein Eisklumpen gewesen sei, Jesu Sexualität flüchtig an (Logik, 36.-37. Kapitel).

Martinus schreibt ausdrücklich weder über seine eigene noch über Jesu Sexualität, aber wenn man mehr darüber wissen möchte, kann man die allgemeine Analyse über den doppelpoligen und kosmisch bewussten Menschen in Livets Bog (LB5, 1900-1909) lesen.

In einem Vortrag betonte Martinus, dass er selbst, mit dem maskulinen und dem femininen Pol in perfektem Gleichgewicht, völlig doppelpolig sei. Martinus sagte: „Ich bin doppelpolig, ich bin völlig ausgeglichen. Ich habe das kosmische Bewusstsein.“ (Martinus, Vortrag in Klint, 26.06.1977).

Eine organische Voraussetzung, um volles kosmisches Bewusstsein zu erlangen, ist, dass bei einem Menschen die Sexualpole ausgeglichen sind. Kein Mann und keine Frau, die der Ehe zugeneigt sind, wird daher kosmisches Bewusstsein erlangen können. (DEW3 Symbol Nr. 33, Artikelsammlung 1, 41.27).

5. Alle Menschen auf der Erde werden liebevoll und daher „christlich“ werden

Die Evolution gleicht einer Einbahnstraße. Der Erdenmensch wird unweigerlich ein Christus-Wesen werden. Für Martinus ist ein Christ zu sein keine Frage, ob jemand ein Gläubiger ist; ob jemand ein Protestant oder Katholik, Orthodox oder Mormone usw. ist. Ein Christ zu sein ist eine Frage, allliebend zu sein und die Seinsweise Christi zu praktizieren. Wenn ein Hindu, ein Muslim, ein Buddhist oder ein Materialist Christi Seinsweise praktiziert, dann ist er ein Christ!

Martinus: „Die Menschen auf der Erde sind noch nicht Christuswesen oder kosmisch geborene Buddhas geworden, noch haben sie verstanden, was ein wahrlich kosmisch geborener Christus oder Buddha bzw. der wahrhaftig vollkommene oder fertige Mensch nach dem Bilde Gottes ist.“ (LB7, 2432).

„Ein Christ zu sein“ bedeutet, allem was lebt zum Nutzen zu sein, Freude und Segen zu bringen, und das ist in Wirklichkeit ein interplanetares bzw. universelles Prinzip der Liebe. (Das intellektualisierte Christentum, 30-38).

In Genf besteht das Ökumenische Zentrum, ein Verband von über 2000 unterschiedlichen christlichen Konfessionen, die je für sich ihre eigene Interpretation des Christentums und der Kreuzigung vertreten. Opfer, Sünde, Gnade und Erlösung sind einige der Konzepte, die eine bedeutende Rolle in diesen Interpretationen spielen.

Martinus vertritt seine eigene kosmische Interpretation über die Bedeutung von Jesu Kreuzigung. Kurz gesagt ist der Kern Jesu Mission, dass er das Modell für den wahren Menschen sein sollte. Die vollkommene Seinsweise sollte den Völkern der Welt demonstriert werden. Die Krönung dieser Demonstration universeller Liebe war die Kreuzigung, wo Jesus, als er unter großen Schmerzen zu Tode gequält wurde, Liebe und Mitgefühl für seine Henker empfinden und sagen konnte: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lukas 23:34). Er konnte nicht nur diese Worte sagen, sondern er konnte von ganzem Herzen wirkliche Liebe zu seinen Henkern, diesen jüngeren Brüdern in der Entwicklung, fühlen.

6. Das Erdwesen hat bei der Kreuzigung Jesu einen kosmischen Erleuchtungsblitz empfangen

Die Kreuzigung stellt laut Martinus die größte Entfaltung universeller Liebe dieser Welt dar. In der Bibel wird erzählt, dass der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzweigerissen wurde. Die Erde bebte und die Felsen spalteten sich. Die Gräber öffneten sich und die Leiber vieler Heiligen, die entschlafen waren, wurden auferweckt. Nach der Auferstehung Jesu verließen sie ihre Gräber, kamen in die Heilige Stadt und erschienen vielen. (Matthäus 27:51-53). Für Martinus waren es nicht die Toten, die sich aus ihren Gräbern erhoben, sondern Christus-Wesen auf der geistigen Ebene, die bestimmte Hellsichtige bei der Kreuzigung sehen konnten.

Die Kreuzigung war nicht weniger als ein kosmisches Weltereignis. Bis zur Kreuzigung war es logisch, Rache zu nehmen. Zahn für Zahn und Auge für Auge war das vorherrschende Prinzip. Aber nach der Kreuzigung war es nicht mehr logisch, sich selbst zu verteidigen und zu rächen, weil am Kreuz eine gänzlich neue Lösung demonstriert worden war. Mit der Kreuzigung hatte sich die Millionen Jahre alte kulturelle Basis vom Angriffs- und Verteidigungsprinzip zum Prinzip der Vergebung gewendet.

Martinus schreibt, dass das Erdwesen bei der Kreuzigung Jesu eben einen kosmischen Erleuchtungsblitz erhalten hat. Martinus sieht die Kreuzigung als einen Teil der Initiation des Planeten in das Kosmische Bewusstsein an (Das intellektualisierte Christentum, 27-29).

In seinen letzten Vorträgen sprach Martinus oft darüber, dass die Vorstellung von der Verteidigung die größte Geißel der Menschheit sei, also ihr größtes Problem. Nicht die Vorstellung von Vergebung sondern die Vorstellung von Verteidigung steckt hinter der ganzen militärischen Aufrüstung auf dem Planeten. Man glaubt, dass man das Recht hat, andere zu töten, wenn es um Verteidigung geht.

Den kosmischen Analysen zufolge resultiert die Vorstellung von Verteidigung in Verbindung mit zunehmender Aufrüstung in weiteren Weltkriegen. Aber letztlich wird der Krieg sinnlos erscheinen, weil nach jedem Krieg immer mehr Menschen sagen werden: „Kein Krieg mehr“. Krieg ist der Weg zum Frieden. Insofern sind wir Pazifisten Fabriken. Kriege sind Teil des göttlichen Plans. Mithilfe von Kriegen schafft Gott wahre Menschen nach seinem Bilde.

Martinus meinte, dass man Kriege nicht fürchten müsse, da das Karmagesetz logischerweise bedeutet, dass man in gleichem Maße beschützt ist, wie man andere beschützt. Gewisse Menschen und gewisse Länder werden vor Krieg beschützt sein, während andere es nicht sein werden. Wenn man nicht vor Krieg beschützt ist, dann ist dies so, weil für den weiteren Fortschritt in Richtung auf Vervollkommnung und Nächstenliebe mehr Erfahrungen von Krieg unerlässlich sind.

Aber schließlich wird jeder das Christus-Stadium erreichen, wo er sagen kann: „Wenn jemand von uns getötet werden sollte, möchte ich lieber derjenige sein, der getötet wird!“ Niemand besitzt größere Liebe als diejenigen, die ihr Leben für andere geben würden! Wenn jeder sich so wie Jesus verhalten würde, gäbe es keine Kriege mehr auf Erden.

In einer friedvollen Welt ist jeder Mensch eine Friedenszelle. Den größten Beitrag, den jemand zum Weltfrieden leisten kann, ist daran zu arbeiten, sich zu einer Friedenszelle zu machen. Man sollte nicht andere bekehren; man sollte sich selbst bekehren. Für den Einzelnen beinhaltet ein weites Feld an Arbeit die Vergebung für sogenannte Feinde, was all jene betrifft, die einen verärgern, die einen ablehnen oder einem Probleme bereiten.

Man soll nicht die Welt verändern,

Man soll sich selbst verwandeln

Ole Therkelsen

www.oletherkelsen.dk

Übersetzung: Christoph Schönhofer