Artikel
Krishnamurti als Weltlehrer
Brief von Martinus zu Krishnamurti - 04.12.1924
von Ole Therkelsen
1. Die alten Prophezeiungen über das Kommen eines Messias oder Welterlösers
Im Alten Testament gibt es Prophezeiungen über einen neuen Messias, der kommen wird, und die Juden erwarteten, dass er in ihrer Mitte erscheinen würde. Aber Christus wurde bescheiden in einem Stall geboren, er sprach auf dem Berge und wanderte in der Wüste, nur mit einem Umhang und Sandalen gekleidet, und er wurde weder ein Schriftgelehrter noch ein Hohepriester im Tempel. Nein, da sollte kein neuer Wein in alte Schläuche gegossen werden, wie es die Bibel sagt.
Es waren Fischer, Dirnen, Sünder und Steuereintreiber, die den neuen Weltlehrer für sich annahmen. Die Juden mit dem Alten Testament erkannten Christus nicht als den neuen Messias an und erkannten damit auch nicht das Neue Testament an. Sie zogen es vor, mit der alten Weltmoral fortzufahren, der Moral der Rache des „Auge um Auge und Zahn um Zahn“, und daher müssen sie weiter wie im Alten Testament auf das Kommen des Messias warten.
Auch die Christen warten. Seit 2000 Jahren haben sie auf die Erfüllung der Prophezeiung über „Das zweite Kommen Christi“ in den letzten Tagen gewartet. Das Dritte Testament, das von Martinus geschrieben wurde, wird von dogmatischen Christen, die Martinus als falschen Propheten bezeichnen, nicht anerkannt. Wir werden sehen, ob sich die Geschichte, dass die Gläubigen den neuen Weltlehrer zurückweisen, wiederholen wird, und ob es die heutigen Heiden, die humanen Materialisten, sind, die schließlich den neuen Weltlehrer für sich annehmen.
Die religiösen Christen sind sehr vorsichtig, weil geschrieben steht, dass in den letzten Tagen viele falsche Propheten auftreten werden, und manche werden sich sogar als Christus selbst ausgeben. Aber auch wenn in den letzten Tagen viele falsche Propheten kommen sollen, sollte man sich natürlich daran erinnern, dass einer von ihnen der echte sein wird!
Wie kann man entscheiden, ob man es mit einem falschen Propheten zu tun hat oder nicht? Nun, hier gelten weiterhin die weisen Worte Christi, dass man einen Baum an seinen Früchten erkennt!
2. Theosophische Prophezeiungen über den neuen Welterlöser
So wie Christus sein zweites Kommen angekündigt hatte, hatte auch der Weltlehrer Buddha seine Wiederkunft als Maitreya oder Maitreya Buddha prophezeit. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wurde in theosophischen Zirkeln ebenso prophezeit, dass bald ein neuer Messias, Christus oder Herr Maitreya kommen würde.
Annie Besant (1847-1933), die lange Zeit Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft war, hielt zahlreiche Vorträge zu diesem Thema wie Zum Beispiel Der kommende Christus (in: Ein Wandel der Welt und Vorträge vor theosophischen Schülern, Leipzig 1910) und Das Kommen eines Welt-Lehrers (in: Weltreligion und unsere nahe Zukunft. Vorträge, gehalten 1911 in London, Leipzig 1912). Die Theosophen hielten insofern sehr intensiv Ausschau nach dem neuen Weltlehrer.
Jiddu Krishnamurti wurde am 11. Mai in Südindien geboren und lebte von 1895 bis 1986, fünf Jahre später als Martinus (1890 bis 1981). Der Hindutradition folgend wurde das achte Kind, wenn es ein Junge war, zur Ehre des Gottes Krishna nach ihm benannt. Ebenfalls einem alten Brauch als Brahmane, einer hohen Kaste, folgend wurde er unter seinem Vornamen – Krishnamurti – bekannt. Martinus Thomsen wünschte sich gleichermaßen, mit der ganzen Welt per Du zu sein.
Krishnamurti, Charles Leadbeater und Annie Besant
In ihrem Buch Krishnamurti – Jahre des Erwachens (München 1981) schreibt Mary Lutyens (1908-1999), dass der wohlbekannte Theosoph Charles Webster Leadbeater (1854-1934) Krishnamurti im April 1909 nahe dem Hauptquartier der Theosophischen Gesellschaft in Adyar entdeckte, als er mit zwei jüngeren Assistenten hinunter zum Strand ging, um zu baden und sich umzuschauen. Später sagte er, dass einer der Jungen am Strand die wunderbarste Aura gehabt hätte, die er je gesehen habe, ohne jede Selbstsüchtigkeit darin. Leadbeater glaubte, dass dieser Junge das Werkzeug des Herrn Maitreya (Christus) als der neue Welterlöser sein würde, und dass er zu diesem Jungen geführt worden sei, um ihm zu helfen und ihn für diese Aufgabe zu schulen. In diesen theosophischen Zirkeln hielten sie ebenfalls an der Idee fest, dass der Lord Maitreya vom Körper Jesu in den letzten drei Jahren, die er auf der physischen Ebene verbrachte, Besitz ergriffen hätte, wo er als Christus seine Lehre darlegte.
Rudolf Steiner (1861-1925), der ebenfalls ein Theosoph war, dachte entsprechend, dass Jesus und Christus nicht die gleiche Person wären. In der Frage bezüglich Krishnamurti und dem zweiten Kommen Christi stimmte er mit Besant jedoch nicht überein. Im Jahre 1912 brach er mit den Theosophen und begründete seine Anthroposophie. Es mag sein, dass Steiner glaubte, dass es die Anthroposophie sei, die die Welt retten würde.
Rudolf Steiner (1861-1925) and Annie Besant (1847-1933)
3. Krishnamurti wird Oberhaupt des Ordens „Stern des Ostens“
Im Jahre 1909 wurde Annie Besant Lehrerin des damals erst 14 Jahre alten Krishnamurti, der auf diese Weise – unter anderem im Hauptquartier in Adyar, nähe Chennai (Madras) in Südindien – gründlich mit der Theosophie vertraut wurde. Kurze Zeit später adoptierte sie Krishnamurti und einen jüngeren Bruder, da deren Mutter verstorben war und den Vater mit einer Schar von Kindern alleine ließ. Als der Vater das Unternehmen mit dem Stern des Ostens entdeckte, bedauerte er die Adoption, und es kam zu einer Gerichtsverhandlung in London, bei der er allerdings verlor. Krishnamurtis Bruder wurde auserwählt, die Welt politisch zu führen und Krishnamurti sollte ihr spiritueller Führer sein. Die meiste Zeit lebten sie in London, und Krishnamurti wurde in dem Glauben aufgezogen, dass er der neue Welterlöser sei, das zweite Kommen Christi.
In der theosophischen Bewegung war man der Auffassung, dass das Erscheinen eines großen spirituellen Lehrers unmittelbar bevorstand, und am 11. Januar 1911 gründete der Theosoph George Arundale in Benares die örtliche Organisation „The Order of the Rising Sun“, deren Zweck es war, diejenigen in Indien zusammenzuführen, die den kommenden großen spirituellen Lehrer empfangen und ihm helfen wollten. Einige Monate später übernahmen Leadbeater und Besant die Idee und wandelten sie in eine internationale Organisation unter dem Namen „The Order of the Star in the East“ um – der später in „The Order of the Star“, in Kurzform einfach „The Star“, geändert wurde. Krishnamurti wurde im Alter von 15 Jahren zum Oberhaupt bzw. Präsidenten des „Star in the East“ gemacht und später im selben Jahr, als er 16 war, hielt er am 28. Mai 1911 seine erste offizielle Ansprache auf einem Kongress im Hauptquartier der Theosophischen Gesellschaft in London.
Bei dem großen theosophischen Konvent am 28. Dezember 1911 in Adyar ereignete sich ein denkwürdiger Vorfall. Man sagte sich, dass dies geschah, weil der Heilige Geist sich im ganzen Raum verkörpert habe. Für viele war dies die großartigste Erfahrung ihres Lebens und sie fühlten sich exstatisch erhoben. Anwesende Okkultisten versicherten, dass Christus während Krishnamurtis Rede zu der großen Versammlung für einige Sekunden in seinen Körper eingedrungen sei. Die Theosophen prophezeiten das zweite Kommen Christi und waren überzeugt davon, dass Christus später dauerhaft in Krishnamurtis Körper inkarnieren würde. Sie glaubten, dass er der neue Weltlehrer sein würde, der wiedergeborene Messias bzw. die Inkarnation von Christus oder von Lord Maitreya (Ludowic Réhault, 1934).
Darauffolgend sollten 14 Jahre in einer mystischen Wartezeit vergehen, bis Besant im Sommer 1925 feierlich erklärte, dass diese Inkarnation nun unmittelbar bevorstehe, und dass Krishnamurti wahrhaftig derjenige sei, der der neue Messias sein sollte. Die Erwartungen stiegen 1925 sehr hoch, weil er sich dem Alter von 30 Jahren näherte, dem Alter, in dem Jesus seine Initiation auf dem Berg der Verklärung gehabt hatte (Artikelsammlung 1, 5.7).
4. Warum schrieb Martinus einen Brief an Krishnamurti?
In dem Buch Martinus – wie wir uns an ihn erinnern [Martinus – som vi husker ham, Zinglersen Publishers 1989] heißt der erste Artikel Mein täglicher Lehrer und enger Freund, der von Lars Nibelvang (1879-1948) im Jahr 1925 geschrieben wurde. Dann folgt ein Beitrag von Alf Lundbeck (1904-1990), der Martinus in der Zeit von 1928-1932 zusammen mit seiner Mutter wirtschaftlich half und unterstützte. Sowohl Nibelvang als auch Lundbeck machten Tagebucheinträge über den Brief, den Martinus an Krishnamurti schrieb. Dieser Brief wurde auch im Okkultisten vom Februar 1941 auf Seite 39 und vom April 1943 auf Seite 82 kurz erwähnt.
Martinus schrieb einen Brief an Krishamurti 04.12.1924
Martinus erzählt, dass er einmal Annie Besant hörte, die im Odd Fellow Palast in Kopenhagen einen Vortrag hielt, und dass er dachte, dass sie eine exzellente Sprecherin sei. Nach diesem Vortrag hatte er aber den starken Impuls, einen Brief an Krishnamurti zu schreiben, um ihn auf sein Vorhandensein aufmerksam zu machen und ihn darüber zu informieren, dass die neue Welterleuchtung aus Dänemark kommen werde. Dieser intuitive Impuls war so stark, dass Martinus sogar solche Ausdrücke brauchte wie „es war etwas, das ich tun musste“ oder „es war etwas, was mir zu tun befohlen wurde“, wenn er sich darauf bezog. Martinus schrieb diesen Brief auch, um Krishnamurti davor zu bewahren, Fehler zu machen, die er später vielleicht bitter bereuen würde, und um sicherzustellen, dass diese Angelegenheit nicht zu weit getrieben würde und auf diese Weise allen Beteiligten Leid bringen würde.
Der Brief, der in Dänisch geschrieben wurde, war mit Kopenhagen, den 4. Dezember 1924, datiert und an den Präsidenten des „Star in the East“, Herrn J. Krishnamurti, adressiert.
Es gibt nichts, was in Martinus‘ zwei Seiten langem Brief Ärgernis erregen könnte. Er ist sehr freundlich und liebevoll gehalten. Martinus informiert lediglich darüber, dass in der nächsten Zukunft aus Dänemark eine Welterleuchtung kommen werde, die für alle Lebewesen einen Schutz darstelle, was er auch im Vorwort zum Livets Bog (LB1, 14-15) im Begriff war zu schreiben. Er skizziert die Natur und das breite Ausmaß dieser Welterleuchtung und fühlt sich so gezwungen, in liebevollster Weise zu sagen, dass es für Krishnamurti selbst eine große Freude und ein Segen für viele sein würde, wenn er den Wunsch fühlen könnte, die dänische Sprache zu studieren und kennenzulernen. Martinus bittet ihn, dies nicht als Forderung aufzufassen oder zu glauben, dass ihm eine Verpflichtung auferlegt würde. Stattdessen drückt Martinus mit seiner großen Toleranz die gleiche Wärme und Liebe ihm gegenüber aus, unabhängig davon, was er entscheiden würde.
Martinus bittet Krishnamurti so freundlich zu sein, ihn nicht persönlich aufzusuchen, weil er zu dieser Zeit nur in äußerster Ruhe und ohne öffentliche Aufmerksamkeit arbeiten könne. Öffentliche Aufmerksamkeit würde zu dieser Zeit Martinus Werk verzögern oder sogar beeinträchtigen. Daher unterschrieb er nicht mit seinem Namen sondern mit einem Symbol bzw. Zeichen, das von allen verstanden würde, die spirituell hoch entwickelt wären. Und wenn er mit seinen Vorbereitungen fertig wäre und der Welt zur Verfügung stünde, würde ihre geistige Verbindung erkannt werden.
Während seiner Reisen durch Indien im Jahre 1954 traf Martinus Krishnamurti, wie wir später in diesem Kapitel sehen.
Titelblatt von Martinus‘ Skizzenbuch, 1924
Vorstudie zur Herstellung des „Livets Bog“ in Bildern,
5. Was war das Zeichen in Martinus‘ Brief?
Das Zeichen, das Martinus als Unterschrift benutzte, war ein Dreieck mit Flammen innerhalb eines Herzens, das von einem Ozean von Strahlen umgeben ist. Die Flammen, die aus den drei Seiten des Dreiecks herauskommen, ähneln denen auf dem Dreieck, das den fertigen Menschen als Abbild Gottes, ihm gleichend, symbolisiert, das im Symbol Nr. 21 in Das ewige Weltbild 2 (DEW2) in der untersten Reihe rechts dargestellt ist. Der fertige Mensch kann die kosmischen Antworten, die Struktur des Universums, kurzum die Lösung des Lebensmysteriums tagesbewusst erleben. Dieser Mensch hat diese Erweiterung des Bewusstseins erlebt, d.h. die intuitive bzw. kosmische Wahrnehmungsfähigkeit ist gänzlich vollkommen geworden.
Skizze zum Titelblatt des Livets Bog
Quelle: www.martinus.dk, © Martinus Institut
Martinus benutzte das schwarzweiße Zeichen aus dem Brief, den er 1924 an Krishnamurti 1924 geschickt hatte, später in Farbe als Zeichnung für das Deckblatt des Livets Bog, was er auf eine Glasplatte von 8 x 8 cm malte. Indem er diese Glasplatte benutzte, konnte er bis zur Veröffentlichung des Livets Bog diese Zeichnung des Deckblatts als Dia für seine Vorträge in den Jahren 1928-1932 zeigen. Unterhalb des oben erwähnten Zeichens hatte Martinus auf dem Titelblattsymbol noch ein Element ergänzt, nämlich zwei miteinander verbundene Hände, die Vergebungsfähigkeit und Liebe symbolisieren. Mit der Veröffentlichung im Jahre 1932 entschied sich Martinus jedoch, das strahlende Kreuz auf das Titelblatt des Livets Bog zu setzen.
In einer weiteren Entwicklung dieses Zeichens können die vier Elemente – das Dreieck, das Herz, die miteinander verbundenen Hände der Vergebung sowie der Ozean aus Strahlen – weiterhin in dem Symbol das Der wahre Mensch als Abbild Gottes, ihm gleichend genannt wurde, gefunden werden (Symbol Nr. 23, DEW2). Dieses Symbol wurde später als Titelblatt vom Livets Bog veröffentlich, als es 1981 unter dem Gesamttitel Das dritte Testament veröffentlicht wurde.
Das Zeichen, das Martinus als Unterschrift unter dem Brief an Krishnamurti benutzte, wo er ihn freundlich und liebevoll darüber informierte, dass die neue Welterleuchtung aus Dänemark kommen würde, wurde später Teil des Titelsymbols für diese Welterleuchtung. Auf diese Weise wurde dieses Zeichen vom Beginn im Jahre 1924 bis zur Fertigstellung des Werks im Jahre 1981 eingesetzt. (Siehe Kapitel 13.18).
LIVETS BOG, Das dritte Testamente. Borgen Verlag 1981
6. Warum schrieb Lars Nibelvang einen Brief an Annie Besant?
Da Nibelvang zu dieser Zeit der einzige war, der Martinus‘ wahre Natur kannte und das Ausmaß seiner Mission erspürte, fühlte er sich verpflichtet, ihn zu unterstützen und ihm zu helfen. Obwohl Nibelvang nur ein normales Einkommen als Musiker hatte, war er in der Lage gewesen, etwas zu sparen, und entschied sich auf dieser Grundlage, Martinus anzubieten, ihn wirtschaftlich zu unterstützen, so dass er seinen Bürojob aufgeben und sich vollständig seiner spirituellen Arbeit widmen konnte. Martinus nahm das Angebot an, aber machte zur Bedingung, dass es als befristetes Darlehen angesehen werden sollte.
Sie lebten äußerst spartanisch, und als Nibelvang entlassen wurde, mussten sie unter solch unannehmbaren Bedingungen leben, dass er sich verpflichtet fühlte, jeden möglichen Ausweg zu versuchen. Er stellte sich vor, dass das sich in Vorbereitung befindliche Weltbild dabei war, verloren zu gehen, und er wollte nicht die Verantwortung dafür übernehmen, dass der Mensch, der aufgrund seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten im Begriff war, unter die Namen der Größten zu gehören, seine Arbeit von universaler Bedeutung aufgeben sollte. Jede Möglichkeit musste ergriffen werden, damit ihm in der Zukunft niemand vorwerfen könnte, nicht alle Möglichkeiten, die in seiner Macht standen, ausprobiert zu haben.
Daher entschied er, an den „Star in the East“ zu schreiben und um Verständnis, Unterstützung und Hilfe zu bitten. Er argumentierte, dass es Martinus sei, der zum Weltlehrer auserwählt worden sei. Es war davon auszugehen, dass der „Star in the East“ nicht mehrere sondern nur eine Person unterstützen würde, nämlich die Person, die auserwählt war, der Weltlehrer zu sein, der neue Messias. Nibelvang hatte wohl seine Zweifel, ob der Brief irgendetwas bewirken würde, denn er stellte sich vorweg die Frage: „Hatte sich diese Gesellschaft nicht trotz ihrer Toleranz und internationalen Prägung in ein solch festgefügtes Gebilde verwandelt, dass es mittlerweile physikalisch unmöglich geworden ist, eine Brücke zwischen ihnen und uns zu bauen?“
Warum genau entschied er sich, den Brief an Annie Besant zu adressieren? Weil sie die erste war, die tatsächlich öffentlich für die Idee eintrat, dass bald ein Weltlehrer auftreten und unter anderem Bücher schreiben und viele tausend Vorträge halten würde. Sie war die Seele der großen Organisation, die weltweit bereit stand, den Weg für den kommenden Weltlehrer zu ebnen. Folglich dachte Nibelvang, dass sie auch diejenige sein müsste, die das moralische Recht hatte, sein Geheimnis zu teilen, und wahrscheinlich diejenige, mit den besten intellektuellen und spirituellen Qualifikationen, um ihn zu verstehen. Er spürte auch, was für eine schwerwiegende und heftige Prüfung eine solche Botschaft für sie sein würde, aber auf der anderen Seite würde er niemals würdig sein, sie von Angesicht zu Angesicht zu treffen, wenn er ihr nicht diese größte Chance ihres Lebens gegeben hätte. (Lars Nibelvang, Our Attitude to The Star in the East, 1925).
Lars Nibelvang (1879-1948)
Lars Nibelvang, der in seiner Jugend spirituelle Nahrung von Besant aufgesogen hatte, hatte sich niemals träumen lassen, dass er einstmals gegen sie zur Feder greifen sollte. Er fühlte sich jedoch gezwungen, gegen Besant und die grundlegende theosophische Ansicht über das zweite Kommen Christi zu argumentieren und Martinus Mission als Weltlehrer zu begründen bzw. zu beweisen. Nibelvang war geneigt zu denken, dass sich die ganze Welt vor Martinus und seinen Analysen verbeugen müsse, und aus diesem Grund war Martinus nicht sehr begeistert, das Nibelvang diesen Brief schicken wollte. Aber Martinus war keiner, der die Ideen anderer korrigierte oder darüber streiten würde, so ließ er ihn an den „Star in the East“ schreiben, obwohl er es vorgezogen hätte, er täte es nicht.
Martinus wünschte noch einige Zeit anonym zu bleiben, was sich auch in seinen Memoiren erweist, wo sich Nibelvang selbst auf Martinus Erwiderung auf seinen enthusiastischen Ausruf bezieht: „Du bist ein Mahatma, ein Welterlöser!“ – „Still, wir sollten nicht darüber reden, wer ich bin, oder Vergleiche anstellen. Ich bin für jeden Menschen genau das Wenige oder Viele oder nichts, was dieser Mensch selbst fühlen oder sehen kann. Du darfst deinen Freunden oder Bekannten absolut nichts darüber sagen. Meine Zeit ist noch nicht gekommen. Außerdem liegt mir nichts an den vielen Ranglisten, für mich gibt es nur eine Gattung – und das sind die Söhne Gottes.” (Martinus – wie wir uns an ihn erinnern, Seite 23).
7. War der „Star of the East“ darauf eingestellt, Martinus zu helfen?
Viele Leute hatten Nibelvang gefragt: Warum hast du nicht den „Star of the East“ angesprochen? Hier sehen wir eine Vereinigung, die mit der Zielsetzung gestartet war, zu dienen und den Weg für den kommenden Weltlehrer zu ebnen. Es ist eine große und aufopferungsvolle Gesellschaft mit Unterstützern aus allen sozialen Klassen, und sie hat ihre Zweige über die ganze Welt verbreitet (zu einem Zeitpunkt mit 41 Mitgliedsländern). Haben ihre führenden Repräsentanten nicht über einen langen Zeitraum jede Gelegenheit ergriffen, die Menschheit darauf vorzubereiten, dass ein solcher großer Lehrer irgendwo und in jeglicher Gestalt erscheinen könnte? Hat nicht ihre Schutzherrin ferner in der Tat die Möglichkeit angedeutet, dass der Weltlehrer vielleicht in einer Frauengestalt erscheinen könnte? (Der kommende Christus und Das Kommen eines Welt-Lehrers von Annie Besant).
Tatsächlich war das Programm sehr tolerant und international, und die sechs Prinzipien des Ordens beinhalteten die Worte: „Wir betrachten es als unsere besondere Pflicht, Erhabenheit anzuerkennen und sie zu verehren, wo auch immer sie sich zeigen mag. Wir wollen uns bemühen, stets nach Kräften mit denen mitzuarbeiten, bei denen wir spüren, dass sie uns spirituell überlegen sind.“
Nibelvang dachte, dass, weil diese sechs Prinzipien so lange in das Bewusstsein der Mitglieder eingeprägt worden waren, hier genau der richtige Ort wäre, wo er gemäß der Natur der Sache Verständnis, Unterstützung, Hilfe und Anerkennung der Rolle von Martinus als der neue Weltlehrer erwarten könnte. Andererseits spürte er, dass er, eine unbekannte Person, gegenüber einer international organisierten, wirtschaftlich starken und anscheinend zuverlässigen Vereinigung von Leuten, die mit Selbstaufopferung und schier unglaublichem Vertrauen ihr Bewusstsein auf das Licht – aus dem Osten – fokussiert hatten, völlig allein stand.
8. Wann schrieb Nibelvang seinen Brief an Besant?
1923 bereitete Nibelvang einen 31 Seiten langen Brief in Annie Besant vor, aber es sollten viele Monate vergehen, bevor er versandt wurde. Nibelvang konnte Bücher in Englisch gut lesen, aber er traute sich nicht, solch einen wichtigen Brief in Englisch zu schreiben. Auch hatte er nicht das Geld, um eine zuverlässige Übersetzung zu bezahlen, wie er es auch nicht wagte, sein Wissen zu dieser frühen Zeit an irgendjemanden weiterzugeben, als das Weltbild immer noch nicht voll untermauert und wissenschaftlich begründet war.
Er entschied sich, eines der prominenten Mitglieder der dänischen Sektion zu kontaktieren, Frau Schiøtt, von der gesagt wurde, dass sie besonders gut im Englischen sei. Er hoffte, dass sie unter dem einstweiligen Versprechen der Vertraulichkeit seinen Brief unentgeltlich übersetzen würde. Im Oktober und November 1923 wechselte er einige sorgfältig formulierte Briefe mit dieser Expertin. Sie hatte nun, ohne es zu wissen, die Chance ihres Lebens, die zugegebenermaßen ein wenig getarnt und bescheiden an ihre Tür klopfte. Zum ersten Mal hatte sie nun die Gelegenheit, einem großen Meister einen Dienst zu erweisen. Wie aber Nibelvang schon erwartet hatte, erhielt er eine Absage. Sie war zu sehr damit beschäftigt, „das Kommen des Meisters“ vorzubereiten. Hiernach entschied er sich, sowohl die Idee als auch den Brief zu den Akten zu legen, da die Ereignisse für sich gesprochen hatten.
Man kann sich leicht vorstellen, dass es im Jahre 1923, erst zwei Jahre nachdem Martinus kosmisches Bewusstsein erlangt hatte, schwer sein würde, Gründe dafür anzugeben, dass er der kommende Weltlehrer sein sollte, als er noch nichts geschrieben oder die Symbole des Weltbildes gezeichnet hatte. Doch im Frühjahr 1925 nahm Nibelvang die Idee zu dem Brief wieder auf, weil er spürte, dass diese Angelegenheit von Monat zu Monat dringlicher geworden war, und er entschied, seinen Brief an Besant in Dänisch zu schicken, in der Hoffnung, dass sie selbst einen gewissenhaften Übersetzer finden könnte. Nun waren die Würfel gefallen und es näherte sich der Moment, in dem sie eine neue, überraschende Botschaft mit dieser Aufgeschlossenheit, dieser universellen Sicht und dieser Toleranz, die sie selbst einer Generation von theosophischen Schülern eingeschärft hatte, beurteilen sollte. Nun sollten sich die schönen Sätze des Ordens in der Praxis bewähren, dachte er.
Im Frühling 1925 schickte er seinen Brief per Einschreiben direkt an Besants Adresse, erhielt aber keine Antwort. Martinus eigener Brief an Krishnamurti, der einige Monate vorher, im Dezember 1924, versandt wurde, blieb anscheinend ebenfalls ergebnislos.
Aber vielleicht kam trotzdem eine indirekte Antwort und zwar in Form der Ansprache, die Besant einige Monate später im August 1925 auf dem jährlichen Sommerkongress des „Star“ in Eerde, Ommen, im Nordosten von Holland, hielt. Diese maßgebliche Ansprache wurde breit diskutiert, und sie sollte sich für den Orden und für sie selbst als absolut schicksalhaft erweisen.
9. Annie Besants Ansprache im Zeltlager Ommen am 11. August 1925
Krishnamurti nahm nicht am Sommerlager in Ommen teil, weil er bei seinem sterbenden Bruder in Kalifornien war. In seiner Abwesenheit wurde das Programm geändert, und Annie Besant machte in ihrer wichtigen Hauptansprache, die am 11. August 1925 – an Martinus’ 35. Geburtstag – gehalten wurde, einige sehr überraschende Ankündigungen. Sie betonte ihre eigene Autorität, indem sie sagte, dass sie mit den höchsten unsichtbaren Führern der Weißen Bruderschaft in Kontakt gewesen sei, und indem sie solche gebieterischen und kraftvollen Sätze benutzte, wie „der König hat befohlen…“, „das, was ich hier verkünde, geschieht auf Befehl des Königs, dem ich diene…“ und es gäbe Mitteilungen von Lord Maitreya (Christus) und seinen mächtigen Brüdern (den Meistern). (International Star Bulletin, Okt. 1925).
Die theosophischen Lehren behaupten, dass es eine okkulte Organisation gäbe, die Große Weiße Bruderschaft, die eine spirituelle Hierarchie mit unterschiedlichen Rängen darstelle. Der oberste Herrscher auf der Erde mit ihren spirituellen Welten sei Sanat Kumara, der der König genannt werde. Unter dem König fänden sich die unterschiedlichen Bodhisattvas, Weltlehrer, Mahatmas, Meister, Adepten usw.
Sie verkündete, dass sich Lord Maitreya bald offenbaren werde, und dass er definitiv Krishnamurti als sein Medium gewählt habe. Er hatte ebenso seine 12 Apostel gewählt, aber sie konnte verwirrenderweise nur sieben Namen nennen, darunter ihr eigener. Drei der Apostel waren aktive Bischöfe in der Liberalkatholischen Kirche, Leadbeater, Arundale und Wedgwood. Nein, zu dieser Zeit wurden die Apostel nicht unter armen Fischern ausgewählt.
Der König hatte festgelegt, dass sie ihre Arbeit auf drei wichtige Aktivitäten konzentrieren sollten – die Liberalkatholische Kirche, die Errichtung einer theosophischen Universität und die Etablierung von gemischten Freimaurerlogen, also Logen mit sowohl Männern als auch Frauen. Andere gewählte Apostel begannen zu sprechen und sagten begeistert, dass Maitreya an der theosophischen Universität lehren würde, dass dort religiöse Zeremonien stattfinden würden usw.
Zwei Tage später betonte sie, dass die Liberalkatholische Kirche absolut das Herz der Lehre sein würde, die zu geben Christus kommen würde. Im Zeltlager unter freiem Himmel wurden religiöse Prozessionen veranstaltet und Bischöfe, die Mitren und violette Gewänder trugen, teilten den Segen aus. Im ganzen Zeltlager herrschte eine religiöse, erwartungsvolle Begeisterung.
10. Die Reaktion auf Besants Rede über die Königsbefehle
Nibelvang und Martinus interpretierten Annie Besants Ansprache im Jahre 1925 als eine Antwort auf die zwei Briefe. Sie wollte mit ihrer Ansprache betonen, dass nicht Martinus sondern Krishnamurti der neue Weltlehrer sein würde! In Gesprächen bezog sich Martinus auf die Worte „wie der König befohlen hat“, wenn er von der indirekten Antwort auf seinen Brief erzählte, von der er annahm, sie durch Besants Ansprache erhalten zu haben – seinen Brief an Krishnamurti, in dem er ihn darüber informierte, dass die neue Welterleuchtung aus Dänemark hervorgehen würde. Martinus war der Meinung, dass der starke intuitive Impuls im Dezember 1924 einen Brief an Krishnamurti zu schreiben, für Krishnamurti ein Grund gewesen sein könnte, etwas unsicher zu werden. Tatsächlich entsagte Krishnamurti später seiner Rolle als Weltlehrer und er wünschte sich nie, Dänemark zu besuchen, obgleich er Schweden mehrere Male besuchte.
1925, als Krishnamurti 30 Jahre alt geworden war, das übliche Alter für eine Initiation, hatte sich Besant, möglicherweise aufgrund der Unruhe unter den Mitgliedern, gedrängt gefühlt, offiziell zu betonen, dass Krishnamurti wirklich der neue Weltlehrer sei. Keiner, noch nicht einmal Außenstehende, würden in der Zukunft imstande sein, ihre Botschaft zu diesem Punkt misszuverstehen. Der König hatte befohlen!
Viele Mitglieder waren bezüglich ihrer Offenbarungen und religiösen Initiativen während des Zeltlagers außerordentlich verwirrt und sehr skeptisch. Auch Krishnamurti distanzierte sich hiervon und erklärte öffentlich, dass er sich von den religiösen Zeremonien abgestoßen fühle, und im nächsten Jahr, 1926, gab es in dem großen jährlichen Sommerlager in Ommen, Holland, keine religiösen Zeremonien.
Krishnamurti spricht im Zeltlager Ommen, Holland
11. Krishnamurti erklärt sich 1927 zum Weltlehrer
Einige Monate später hatte Krishnamurti ein beeindruckendes spirituelles Erlebnis, vermutlich das, was Martinus einen kosmischen Erleuchtungsblitz nennt. Das führte dazu, dass sich Krishnamurti erstmals selbst zum Weltlehrer erklärte. Im Frühjahr 1927 sagte er daher in einer vertraulichen Runde: Was mich betrifft sage ich schlichtweg: Ich habe die Freiheit erlangt, was bedeutet, menschlich vollkommen zu werden. Vor sechs Monaten hätte ich diese Erklärung ehrlicherweise nicht abgeben können, weil ich zu dieser Zeit noch nicht der Weltlehrer geworden war.“ (Ludowic Réhault, L’Instructeur du Monde – Krishnamurti, Les Tables d’Harmonie Édition, Nice 1934)1.
Am 2. August 1927 erklärte er im Zeltlager Ommen zum ersten Mal öffentlich selbst der Weltlehrer zu sein. Annie Besant stand auf seiner Seite und, obwohl er die Apostel und ihre Offenbarungen von 1925 zurückgewiesen hatte, erkannte sie ihn dennoch an und sagte: „Wie ich gesagt habe, dass der Weltlehrer kommen werde, habe ich nun die freudige Nachricht, dass er hier anwesend ist.“ Er selbst sagte: „Bislang habe ich nie gesagt, dass ich der Weltlehrer bin, aber jetzt, wo ich mich mit dem Geliebten eins fühle, sage ich es.“ (Int. Star Bull. Dez. 1927).
Krishnamurti in New York 1928
In den verfügbaren Krishnamurti-Biografien wird stillschweigend darüber hinweg gegangen, dass sich Krishnamurti in der Tat wirklich zum Weltlehrer erklärt hat. Üblicherweise wird es so dargestellt, dass Annie Besant und der Star in the East für die Proklamation Krishnamurtis zum Weltlehrer verantwortlich waren, aber er erklärte sich selbst dazu.
Im nächsten Jahr, 1928, erklärte er im Zeltlager Ommen wiederum, dass er der Weltlehrer sei. „Die Wahrheit ist, dass ich der Weltlehrer bin und dass Krishnamurti nicht weiter existiert. Wie der Fluss mit dem Meer vereinigt ist, so habe ich mich mit diesem Leben vereint, dass unter anderem durch Buddha, Christus und Maitreya repräsentiert wird.“ (Int. Star Bull. Nov. 1928).
Vom Oktober 1927 an reiste Krishnamurti als der Weltlehrer um die Welt und wurde in Indien, den USA, China, Japan Brasilien und Europa im Triumph empfangen, und überall wurden große Empfänge für ihn veranstaltet. 1928 sprach er in der Hollywood Bowl zu nicht weniger als 16.000 Menschen und hatte riesige Zusammenkünfte mit einer Zuhörerschaft von vielen Tausenden in New York, Chicago, London und Paris.
Wenn Besant über den kommenden Weltlehrer redete, sprach sie vom Herrn der Weltreligionen und kam damit mehr und mehr in Konflikt mit Krishnamurtis Widerstand gegen Religionen mit Dogmen und Ritualen, und er wandte sich mehr und mehr gegen die Ankündigungen der Führungsköpfe der Theosophie. Er sagte, wenn man sich selbst finde und Befreiung erlange, müsse man sich selbst vom Glauben an Religionen, andere Menschen und Autoritäten befreien.
Andererseits erklärte Wedgwood, dass Krishnamurti die hohen Schwingungen eines Christus hätte. Viele andere Mitglieder des Ordens sahen in Krishnamurtis rätselhafter Persönlichkeit nicht die persönliche Manifestation Christi, auf die sie gehofft hatten, und er wirkte auf sie nicht überzeugend. (Ludowic Réhault, 1934).1
Ein Bruch zwischen Krishnamurti und den Theosophen kündigte sich an und es sollte sich herausstellen, dass er ziemlich bald kommen würde.
Krishnamurti spricht in Ommen, Holland
12. Krishnamurti distanziert sich von seiner Rolle als Weltlehrer
Der „Star in the East“ wurde während des Zeltlagers in Ommen, das am 2. August 1929 begann, aufgelöst. Am Samstag den 3. August hielt Krishnamurti in der Anwesenheit von Annie Besant und mehr als 3.000 Star-Mitgliedern sowie mit vielen Tausenden holländischen Radiohörern eine Rede, bei der er die Organisation auflöste.
In dem Buch Martinus Erinnerungen (Manuskript, Sam Zinglersen, Sankt Augustin 20063, Seite 81) ist folgendes zu finden: „An meinem 39. Geburtstag, den 11. August 1929, löste Krishnamurti den Kreis auf, der sich um seine Person gebildet hatte und erklärte, dass er keine Anhänger wünschte.“ Diese Information rührt am sichersten von Lars Nibelvang her, der in sein Tagebuch schrieb: 11. August 1929 (Martinus’ Geburtstag) Krishnamurti löste die Organisation „Star in the East“ auf!
Aber dieses Datum stimmt nicht mit den Originalquellen überein, die das Datum, an dem Krishnamurti den Orden auflöste, eine Woche früher angeben, nämlich den 3. August 1929. (Int. Star Bull. Oct. 1929, Ludowic Réhault 1934, Mary Lutyens 1975). Und es wird mit dem Titel eines Nachdrucks bestätigt „11/1-1911 Benares – 3/8-1929 Ommen“, der durch „The Star Publishing Trust International“ im Zusammenhang mit der Auflösung des Ordens im Jahre 1929 veröffentlicht wurde.
Mag sein, dass Nibelvang die Nachricht über die Auflösung des Ordens eine Woche später, an Martinus’ Geburtstag, erhalten hat, mag sein, es hat eine Verwechslung gegeben, weil Besant tatsächlich an Martinus’ Geburtstag die berühmten Worte aussprach: „Der König hat befohlen“, wobei sie vermutlich die Inhalte der Briefe von Martinus und Nibelvang verwarf.
13. Krishnamurti war sehr froh, sich von seiner Rolle als „Der neue Messias“ zu distanzieren
Unter der Überschrift Krishnamurti zieht sich zurück berichtete die dänische Zeitung Ekstra Bladet über ein Interview mit Krishnamurti:
„Als Krishnamurti, der junge Theosoph und Philosoph, der der neue Messias genannt wird, kürzlich nach Amerika heimkehrte, verursachte seine Rückkehr keinen großen Tumult; kurz nach seiner Ankunft in Los Angeles willigte Krishnamurti ein, von der in Los Angeles erscheinenden Zeitung ‚Herald Examiner’ interviewt zu werden. Im Interview war er ganz offen und freimütig indem er erklärte, dass er in der Zukunft nicht ‚der neue Messias’ oder ‚der Retter der Menschheit’ genannt werden wolle.
Der jugendlich wirkende Philosoph, über den Dr. Annie Besant, die Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft offiziell ausgesagt hatte, der große Weltlehrer zu sein, durch den die Menschheit ein neuerliches Vergeben der Sünden gewährt würde, bekundete nun, dass er das Schloss in Kalifornien, das ihm aufgedrängt worden war, zusammen mit anderen Geldern ihren ursprünglichen Besitzern zurückgegeben habe – wohlmeinenden Freunden, die ganz gewiss mit bester Absicht gehandelt hatten.
Krishnamurti werde, so bekundete er, weiterhin Theosoph bleiben, in der Zukunft sollte ihm aber niemand den Titel ‚Meister’ oder ‚Herr’ geben. Ich will frei sein, um mein eigenes Leben leben, meine eigenen Gedanken denken zu dürfen, sagte Krishnamurti, und seit ich diese Entscheidung getroffen habe, bin ich glücklicher als ich je gewesen bin.
Darüber hinaus sagte Krishnamurti in dem Interview, dass er Dr. Besant geglaubt hatte, als sie ihm sagte, er sei, obwohl noch ein kleiner Junge, eine Personifikation von Christus. ‚Jetzt weiß ich, dass ich nicht mehr Christus bin, als Sie es sind’, sagte Krishnamurti dem Interviewer.“ (Ekstra Bladet, 25. November 1931)
14. Krishnamurti macht unabhängig weiter
Der Orden „Stern im Osten“, der extrem reich geworden war, wurde 1929 in fünf unterschiedliche Sektionen aufgeteilt. In einer dieser Sektionen, der Krishnamurti Foundation, setzte er seine eigenen Aktivitäten unabhängig fort, die vermöge seiner vielen ausgezeichneten Bücher, Ansprachen und Videoaufnahmen Millionen Menschen auf der ganzen Welt Nutzen, Freude und Inspiration bringen. (www.jkrishnamurti.org, www.kfa.org).
Krishnamurti, der sehr scharfsinnig, logisch und vernunftbetont war, hat viele Menschen dazu inspiriert, den Glauben an Religionen, Autoritäten, Systeme und Weltbilder zurückzuweisen, und sie zu einem unabhängigen Denken und Lebensverständnis angeregt. Krishnamurti erklärte, dass man sich von jedem Glauben an Religionen, an Andere, an Organisationen und Autoritäten befreien müsse, wenn man wirklich sich selbst finden und Glückseligkeit, Befreiung und Freiheit erlangen wolle. Andererseits hatte er vielleicht nicht das Verständnis, die Liebe und die Toleranz denjenigen gegenüber, die in der Entwicklung auf einer solchen Stufe stehen, wo dieser Glaube für sie momentan genau die richtige Quelle der Inspiration und der Weg zu ihrem Glück ist.
Obwohl Krishnamurti durch die Theosophen Reinkarnation, Karma und Evolution kennengelernt hatte, lehrte er diese Gegenstände nicht, aber er verneinte sie auch nicht. Es ist verständlich, dass Krishnamurti nach dem intensiven Einfluss, unter dem er seit seinem 14. Lebensjahr gestanden hatte, von dem System der Theosophie gesättigt war. Er war so gesättigt, dass er augenscheinlich den Sinn einer geistigen Wissenschaft oder eines spirituellen Weltbildes völlig außer Acht ließ, und man findet in seinen Schriften keine Weltlehre oder Welterklärung, wie es bei Martinus der Fall ist. Krishnamurti legte den größten Wert auf die Methode, Erkenntnis und seine eigene Sichtweise zu erlangen.
Nach dem Tod von Krishnamurti erschienen weitere Biografien, zum Beispiel von Jeffrey M. Masson, Christoffer Isherwood, Roland Vernon, C.V. Williams, und eine Biografie von 1991 „Lives in the Shadow with J. Krishnamurti“ erzielte große Aufmerksamkeit. Das Buch wurde von der Amerikanerin Radha Rajagopal Sloss (geb. 1931) geschrieben. Sie war von Krishnamurti erzogen worden, der eng mit ihren Eltern Rosalind Williams Rajagopal (1903-1996) and D. Rajagopal (1900-1993) zusammengearbeitet hatte. Diesem Buch zufolge hatte Krishnamurti zwanzig Jahre lang ab 1932 eine heimliche Liebesbeziehung mit Rosalind. Bei seinem letzten öffentlichen Auftritt in Madras Anfang Januar 1986, als er wusste, dass das Buch fast fertiggestellt war, sagte er, dass nicht der Lehrer sondern die Lehre wichtig sei. (François Swaen, Krishnamurti – ombres et lumières, Nouvelles clés, no. 66, Juin-Août 2010, nouvellescles.com).
15. Krishnamurtis Methode und Martinus’ Weltbild
Krishnamurti hat in seinen Büchern sehr inspirierende Empfehlungen und Anweisungen für die richtige Art zu leben und zu denken gegeben, da er aber kein kosmisches Bewusstsein hatte, war er nicht in der Lage, wie Martinus die Lösung für das Lebensrätsel zu geben. Krishnamurti hatte einfach nicht die notwenige Befähigung, um ein Welterlöser zu sein und die neue Geisteswissenschaft zu begründen bzw. das ewige Weltbild zu entwerfen, das für die Erlösung der Welt im zwanzigsten Jahrhundert erforderlich war und das nicht weniger denn als das kulturelle Fundament der Menschheit in den kommenden Jahrhunderten dienen würde.
Krishnamurtis Methode des selbstständigen Denkens und Verstehens steht sehr in Einklang mit dem neuen Weltimpuls, und es ist genau diese Methode, die man als wahrer Geistesforscher anwenden sollte, wenn man ein Verständnis für Martinus’ Geisteswissenschaft gewinnen möchte. Martinus wollte keinesfalls, dass die Menschen ihm glaubten, im Gegenteil betonte er, wie wichtig es sei, dass der einzelne Geistesforscher mit Interesse an seinen Analysen sein Lebenswerk sorgfältig studiere und überprüfe.
Das Livets Bog ist für den Geistesforscher ein Handbuch zur Beobachtung des Lebens, geradeso wie die Flora für den Botaniker ein Handbuch zur Beobachtung von Pflanzen ist. Das Livets Bog ist eine Hilfe, um die direkte Sprache des Lebens bzw. des Daseins eigenes Buch des Lebens zu verstehen. Martinus stellt keine Autorität dar, an die man glauben soll, sondern eher ein Wegweiser, der aufzeigt, wo und wie man selbst Beobachtungen der Gesetze des Lebens machen kann. Er hat die Serie von kosmischen Analysen, die zusammen die Grundanalysen des Universums bilden, nicht geschrieben, damit man sie bloß studiert. Die Absicht von Martinus‘ Seite ist es, die Leser dazu anzuregen, für sich selbst herauszufinden, dass das, worüber er schreibt, jetzt auch wirklich etwas ist, das beobachtet werden kann. Unsere eigenen Erfahrungen und Beobachtungen sollen die Gültigkeit von Martinus‘ Werk – Das ewige Weltbild – aufzeigen.
Martinus erklärt, wie die Menschen sich schließlich selbst davon befreien werden, von den Gedanken anderer und von religiösen Suggestionen besessen zu sein:
„Alle diese Formen der Suggestion und ‚Besessenheit’ ebenso wie die Unterschiede, die zwischen den individuellen Menschen auftreten, müssen notwendigerweise solange existieren, wie die Fähigkeit der Menschheit und der Einzelnen die Wahrheit bzw. die Gesetze des Lebens zu erleben, noch nicht voll entwickelt ist. Die weitere Entwicklung der Einzelnen wird darin bestehen, dass sie schrittweise sich selbst von diesen Suggestionen befreien und ihre Psyche bzw. ihr Bewusstsein mehr und mehr auf der Basis von Einsicht, Wissen und persönlicher Erfahrung aufbauen. Zu diesem Zweck ist eine neue Wissenschaft erforderlich, eine Wissenschaft der spirituellen Wirklichkeit des Universums, ein Weltbild, das die Abhängigkeit der jeweiligen lokalen Details vom Ganzen sowie ihre Bedeutung für das Ganze aufzeigt. Natürlich wird es Menschen geben, die an diese Geisteswissenschaft glauben und daraus eine neue Religion machen, aber das zeigt nur, dass sie nicht die Fähigkeit haben, sie zu verstehen.“ (Dänischer Kosmos, Nr. 10/1990).
16. Wie ging die Sache für Annie Besant weiter?
Martinus zufolge funktioniert die Welterlösung nicht in der Weise, dass der neue Welterlöser im Vorhinein mit großem Trara präsentiert wird. Nein, der Welterlöser wird die Lebensbühne leise und unbemerkt betreten, und wird nicht im Vorhinein von selbsternannten Anhängern ausersehen und ausgerufen. Jesus wurde bescheiden in einem Stall geboren, und sein Aufwachsen und seine Jugendjahre blieben unbemerkt.
Als Martinus Indien im Jahre 1952 besuchte, hatte er die Gelegenheit, Annie Besants Zimmer
zu sehen. Es war ziemlich klein und schlicht. Daneben gab es einen riesigen Raum, der Krishnamurtis gewesen war. Er enthielt nichts außer einem gewaltigen Bild von ihm in feiner indischer Kleidung. In der Tat hat Annie Besant Krishnamurti sehr geliebt.
Im Jahre 1929 hatte sie sich Krishnamurti zwanzig Jahre lang gewidmet, so war es für die 82-jährige Annie Besant ein harter Schlag zu erleben, dass Krishnamurti sich nicht als der neue Weltlehrer herausstellte. Ihre Visionen und Offenbarungen erwiesen sich als falsch und in der Folge war sie völlig zusammengebrochen und wurde fast wahnsinnig.
Besant verlor das Vertrauen, das tausende von Mitgliedern in sie und ihre Offenbarungen gelegt hatten. Viele hatten sie für nahezu unfehlbar und auf der göttlichen Schwelle befindlich gehalten. Sie starb vier Jahre später im Jahre 1933.
17. Die Bestätigung des Hauptsymbols durch die spirituellen Meister
Drei Jahre nachdem er kosmisches Bewusstsein erlangt hatte, hatte Martinus den vollen Überblick über das gesamte Weltbild mit all seinen Energien und Prinzipien gewonnen. Später im Jahre 1927 hatte Martinus das sogenannte „Hauptsymbol“ fertig gestellt. (DEW 1, Symbol Nr. 11).
Er erzählt: „Das Symbol, das mir am meisten Kopfzerbrechen bereitete, war das, was heute das ‚Hauptsymbol‘ genannt wird. Ich musste verschiedene Entwürfe und Skizzen machen, bevor alle Einzelheiten ihren Platz gefunden hatten. Als ich eines Tages an meinem Zeichentisch stand, und letzte Hand bei diesem Symbol anlegte, merkte ich, dass ich nicht allein war. Links und rechts von mir standen weißgekleidete Gestalten, ‚geistige Meister‘. Sie standen ganz still und passiv mit gekreuzten Armen da und betrachteten eine Weile das Symbol. Dann nickten sie und verschwanden wieder. Von dem Tag an merkte ich, dass ich die Sympathie und Unterstützung der ganzen geistigen Welt hatte.“ (Martinus Erinnerungen, Seite 72f).
Nicht von Martinus selbst, aber von einem nahen Mitarbeiter haben wir die Information, dass Martinus im Haus von Lars Nibelvang Bilder der spirituellen Meister gesehen hat, u.a. von El Morya und Kuthumi. Martinus hätte dementsprechend zwei dieser spirituellen Meister wiedererkannt, als er ihre Bestätigung bei der Fertigstellung des Hauptsymbols 1927 erfuhr. Einige dieser Bilder der spirituellen Meister sind auf dem Foto von Nibelvang in seinem Zimmer zu sehen.
Ein anderer guter Freund, Per Thorell (1916-2003), notierte in seinem Tagebuch, dass Martinus gesagt hätte, dass diese von den Theosophen genannten „Meister“ nicht notwendigerweise ein vollentwickeltes kosmisches Bewusstsein hätten. Der Meister Kuthumi war daran interessiert, die Arbeit von Martinus über die Lösung des Welträtsels zu verfolgen. Dies geschah einzig aus Interesse, nicht um zu helfen oder aus Eifersucht. Martinus wusste dies, weil er zu verschiedenen Gelegenheiten, wenn er an seiner Schreibmaschine arbeitete, Kuthumis Präsenz gespürt und sein beobachtendes Gesicht über seiner Schulter gesehen hatte.
Lars Nibelvang an seinem Schreibtisch. An der Wand hängend sind die Bilder der spirituellen Meister, darunter die von El Morya und Kuthumi, zu sehen
18. Kontakt mit Weisen des Ostens
Alf Lundbeck geht in seinem Tagebuch auf einige Informationen über Martinus’ Kontakt zu Mahatmas des Ostens ein. Martinus hatte ihm erzählt, dass die Weisen in Tibet gewissermaßen Wächter der Erdenmenschen seien. Mit Hilfe ihrer gewaltigen psychischen Kräfte könnten sie sich Dinge vornehmen, denen normale Menschen ganz verständnislos gegenüberstehen würden. Es sei für sie zum Beispiel kein Problem, ein Buch aus einer der westlichen Bibliotheken zu dematerialisieren und es in Tibet zu materialisieren und auf diese Weise zu studieren, was immer sie möchten. Ebenso könnten sie leicht bewirken, wenn sich gezeigt hat, dass einer ihrer Schüler weniger erfolgreich war, dass alles, was sie ihn gelehrt hatten, aus seinem Gedächtnis ausgelöscht wird. Als einmal einer der Mahatmas auf einer Reise in Amerika war und durch Chikago hindurch wollte, musste er allerdings wegen der fürchterlichen Todesatmosphäre, die um die Stadt lag und von der ungeheuer großen Schweineschlachterei stammte, umkehren. Es war ihm nicht möglich, sich näher heran zu wagen. So empfindlich sind ihre geistigen Körper.
Helena Blavatsky (1831-1891) studierte sieben Jahre bei diesen Mahatmas und erhielt danach die Aufgabe, die theosophische Lehre im Westen zu verbreiten.
Am Anfang, in den Jahren 1921-28, war diesen Mahatmas nicht ganz klar, ob Martinus’ Wissen böse oder gut, zum Schaden oder zum Nutzen war. Das kann vielleicht seltsam erscheinen, aber die Sache war die, dass viele der neuen Themen, die Martinus vorlegte, und über die sie sich auf psychischem Wege ständig auf dem Laufenden hielten, ihnen und der alten Welt unmoralisch vorkamen, während Martinus sie als moralisch bezeichnete. Darum verhielten sie sich vorläufig abwartend, während sie gleichzeitig dafür sorgten, dass Martinus‘ Lehre sich nicht auf einen größeren Kreis ausbreitete.
Erst 1928 waren sie sich darüber im Klaren, dass Martinus’ Lehre zum Nutzen der Menschen war. Da machten sie eine völlige Kehrtwendung. Martinus erzählte, dass es damals für ihn eine große Erleichterung war, dass der Druck, den sie ausübten, ganz verschwand. Gleichzeitig verschwanden auch seine wirtschaftlichen Schwierigkeiten, da Alf Lundbeck und seine Familie halfen. Diese Mahatmas standen in ununterbrochener Verbindung mit Martinus und waren jetzt seine Schüler geworden. Nach Martinus’ Aussagen kann von den Mahatmas nicht gesagt werden, dass sie vollständig der gleichen Entwicklungslinie wie die übrigen Erdenmenschen angehören. Ihre Entwicklung, bei der besonders die psychische Begabung eine große Rolle spielt, hat die Entwicklung der allgemeinen Menschheit in einem Schnittpunkt fast erreicht. Einige sollen angeblich 150 Jahre alt sein. Das ist auch nicht unmöglich, sagt Martinus, da sie mit Hilfe ihrer psychischen Kräfte imstande sind, wenn nötig, die Lebenszeit ihres physischen Körpers weit über die normale Zeit hinaus aufrecht zu erhalten.
Vielleicht ist es kein Zufall, dass es zu einem Bruch zwischen Krishnamurti und den Theosophen kam, als die Mahatmas Martinus’ Arbeit schließlich 1928 anerkannten. Meine eigene Vermutung ist, dass die Mahatmas den Orden „Stern im Osten“ nur bis 1928 stützten, wonach er sich auflöste. Nach der Beschreibung der hohen geistigen Intensität in der Gründungsversammlung des „Stern im Osten“ 1911 konnte man nämlich vermuten, dass dieser Orden zu diesem Zeitpunkt von geistiger Seite eine gewaltige Unterstützung erhalten hatte, die bei der Auflösung des Ordens ganz verschwunden war.
Dieses alles kann in der Zeit vor dem Erscheinen von Martinus trotzdem nützlich und einfach notwendig gewesen sein. Die Theosophie hatte in der westlichen Welt den Boden für die kosmische Wissenschaft vorbereitet, so dass die Menschen den Fragen von Reinkarnation und Karma jetzt nicht ganz verständnislos gegenüberstanden. Die Theosophie und auch die Anthroposophie hatten also den Weg für Martinus’ kosmische Analysen bereitet, indem sie eine sogenannte „Arbeit Johannes des Täufers“ ausführten.
Der ältere Martinus an seinem Zeichenbrett 1965. Der kosmische Spiralkreislauf 2 – der unvollkommene Mensch. DEW 5, Symbol Nr. 76.
19. Hat Martinus etwas von Krishnamurti gelesen?
C.W. Leadbeater hat ein Buch Lives of Alcyone geschrieben, das angeblich eine Anzahl früherer Inkarnationen von Krishnamurti mit verwandtschaftlichen Beziehungen zu etlichen prominenten Theosophen beschreibt. Der Name Alcyone wurde Krishnamurti gegeben, als er als Vierzehnjähriger unter dem Pseudonym Alcyone „Zu Füßen des Meisters“ (At the Feet of the Master) schrieb. Leadbeater schreibt: „Das Buch At the Feet of the Master ist das zur Zeit beste und wertvollste Buch für uns. Dieses Buch stellt in besonderer Weise die Lehre des Weltlehrers dar, Er der kommen wird, Lord Maitreya, der Bodhisattva.
Der Titel des Buchs At the Feet of the Master wurde von Annie Besant aus 30-40 Alternativen ausgewählt. In der Vorrede zu dem Buch schreibt sie: „Die darin enthaltenen Lehren wurden ihm von seinem Meister als Vorbereitung für seine Einweihung gegeben.“
Im Vorwort schreibt Alcyone (Krishnamurti): „Dies sind nicht meine Worte; es sind die Worte des Meisters, der mich lehrte. Ohne Ihn hätte ich nichts tun können, aber durch Seine Hilfe habe ich meine Füße auf den Pfad gesetzt.“
Annie Besant sagt, dass der größte Teil des Buches eine Wiederholung der eigenen Worte von Krishnamurtis Meister sei, und was immer sonst nicht genau die eigenen Worte des Meisters seien, seien die Gedanken des Meisters, ausgedrückt durch Krishnamurtis eigene Worte.
Um das alles in Verruf zu bringen, gab es einige, die behaupteten, es wäre für diesen vierzehn Jahre alten Jungen unmöglich, dass er selbst das Buch geschrieben hätte. Daher bezeugte Leadbeater wie das Buch entstanden sei. (Lecture III, 22/12/1914). C.W. Leadbeater hielt 1914-1915 insgesamt 32 Vorträge und veröffentlichte sie unter dem Titel Vorträge über „Zu Füßen des Meisters“ als Buch.
In seinem Vortrag sagte Leadbeater, dass sowohl er als auch Annie Besant die Papierbögen gesehen hätten, auf die Krishnamurti jeden Morgen einige Sätze geschrieben hätte. Nachdem dieser Text über fünf Monate Morgen für Morgen geschrieben worden war, wurde er als Buch veröffentlicht. Leadbeater erklärt, wie es dazu kam, dass das Buch geschrieben wurde: „Jede Nacht brachte ich diesen Jungen in seinem Astralleib zum Haus des Meisters, damit ihm Unterricht gegeben werden konnte. Der Meister verbrachte jede Nacht ungefähr fünfzehn Minuten damit, zu ihm zu sprechen, aber am Ende jeder Ansprache fasste er jedes Mal die Hauptpunkte dessen, was er gesagt hatte, in einem oder wenigen Sätzen zusammen, machte einen kleinen Auszug davon und schrieb es nieder. Das Buch At the Feet of the Master besteht aus diesen Sätzen, dem Extrakt aus der Lehre des Meisters, vom Meister selbst entworfen und in seinen eigenen Worten.“
Der Junge schrieb die Sätze mit Schwierigkeiten, weil sein Englisch nicht so gut war. Er schrieb sie in ein Schulaufsatzbuch, meist mit Bleistift, manchmal mit einer Feder und manchmal auf einige Blatt Papier. Anschließend ordnete Leadbeater alle diese Notizen und tippte sie ab. Leadbeater zufolge wurde dieser Text von den Meistern des Jungen, Koot Hoomi (Kuthumi) und dem Weltlehrer Lord Maitreya, bestätigt.
Die interessante Frage ist, ob das Buch, das Martinus im Februar/März 1921 gelesen hatte, das At the Feet of the Master war. Aber für die Nachwelt bleibt es unklar, wie der Titel der theosophischen Buchs lautete, das Martinus dazu geführt hatte, über Gott zu meditieren.
Martinus sagte, dass er sich an den Titel des Buches nicht erinnern könne, da er das Buch sofort nach dieser Einweihung zurückgegeben habe, ohne es zu Ende zu lesen. Aber gemäß dem Tagebuch von Lars Nibelvang war das Buch, das Martinus ausgeliehen hatte At the Feet of the Master. Allerdings erscheinen die Anweisungen zur Meditation, die Martinus erwähnt, in diesem Buch nicht.
Dennoch scheint es laut Nibelvangs Tagebuch, dass er Martinus mündliche Anleitungen zur Meditation gegeben hat. So glaube ich, dass Martinus sowohl das Buch Zu Füßen des Meisters gelesen hat, während er gleichzeitig Nivelvangs mündlichen Meditationsanweisungen folgte. Zu beachten ist, dass zehn Jahre vergangen waren, bevor Martinus anfing, über diese Ereignisse im Livets Bog und in Zur Geburt meiner Sendung zu schreiben. Nibelvang erwähnt ebenfalls, dass er Martinus auch das Buch Bhagavad Gita geliehen hat, das Martinus wohl nicht gelesen hat.
Nibelvang schreibt: „Bevor Martinus mich verließ, lieh ich ihm einige kleine Bücher, um sie mit nach Hause zu nehmen, und ich glaube, es waren die Bhagavad Gita und Zu Füßen des Meisters. Und dann gab ich ihm Anweisungen für die elementarsten Regeln der Meditation, weil ich spürte, dass ich einer sehr fortgeschrittenen Persönlichkeit gegenüber stand, die möglicherweise in naher Zukunft alles erreichen würde, was ich in vielen Jahren vergeblich gesucht hatte.“
Es kann nicht völlig ausgeschlossen werden, dass Martinus etwas in der Bhagavad Gita gelesen hat, oder dass Nibelvang Regeln aus diesem Buch weitergegeben hat. Im zweiten Kapitel lautet die Verse 60-61: „Und doch, o Sohn des Kunti, geschieht es, dass die Wellen der Leidenschaft auch einen weisen Mann für eine Zeit hinwegreißen. – Wenn er seine Sinne zügelt, wird er ruhig mit den Gedanken an Gott gewendet sitzen; wer Gott seine Gedanken beherrschen lässt, ist sicher.“ – In seiner Mediation richtete Martinus seinen Geist auf Gott, und in Bezug hierauf heißt es weiter im sechsten Kapitel, Vers 14: „Mit Körper, Kopf und Hals in Ruhe und den Blick nach vorne gerichtet, unbeweglich und ohne sich umzusehen. Voller Seelenfrieden, frei von Furcht, fest im Entschluss der Selbstaufgabe, mit dem Geist in Ruhe, lass ihn an Mich denken und sich allein in Mich versenken.“ (Bhagavad Gita, nach der dänischen Übersetzung von L. Jespersen, J.S. Jensen Publisher, 1912).
Nach seinem ersten Besuch gab Nibelvang gemäß seinem eigenen Tagebuch Martinus folgende Ermahnung: „Den einzigen Rat den ich dir mit auf den Weg geben kann, sind Worte des letzten größten Lehrers Bhagavan Ramakrishna: ‚Halte deinen Geist auf Gott ausgerichtet und alle Dinge werden für dich gut sein’.“
20 Martinus sieht im Jahr 1954 Krishnamurti auf dem Weg nach Japan und Indien auf dem Flughafen Rom
Auf seiner Reise nach Japan und Indien im Jahr 1954 hatte Martinus einen Zwischenstopp in Rom, der Ewigen Stadt, über die er in seinem Reisebericht schreibt, dass sie für die Geschichte Europas sehr wichtig war, nicht zuletzt, weil die Jünger Christi das Christentum zu den Kaisern brachten, die das römische Reich christlich machten, wodurch auch Europa christlich wurde.
Martinus schreibt: „Während des Aufenthalts im Flughafen Rom sah ich eine Anzahl Inder, die hier auf dem Weg nach Bombay [Mumbai] in Indien gelandet waren. Und ich war erstaunt, eine Person zu sehen, die ich seit vielen Jahren von Fotos und Zeitschriften kannte. Es war der indische Weise Krishnamurti. Er sprach nicht mit den anderen indischen Passagieren, noch trug er wie sie indische Kleidung. Er ging auf und ab, so als ob er ungeduldig wartete. Ich hätte gerne mit ihm gesprochen, aber da ich keinen Übersetzer hatte, war das nicht möglich. Da er jedoch auf dem Weg nach Indien war, dachte ich, ihn im Welthauptquartier der Theosophen in Adyar, Madras [Chennai] zu treffen, wohin ich eingeladen war, einen Vortrag zu halten. Inzwischen war die Zeit unseres Aufenthaltes in Rom abgelaufen, und wir wurden zum Flug aufgerufen, der binnen kurzem wieder startete und seinen Kurs auf unser weit entferntes Ziel nahm.“ (Kontaktbrief, 1954).
21 Anna Ørnsholt übersetzt in Indien viele Vorträge für Martinus
Im Dezember 1954 begleitete Anna Ørnsholt (1882-1972) Martinus während seiner Rundreise durch eine Anzahl indischer Städte, wo er etliche Vorträge hielt. Sie war für ihn überaus nützlich, da sie eine exzellente Übersetzerin war. (Martinus Erinnerungen, Seite 113).
Anna Ørnsholt war 1925 nach Indien gereist, wo sie 10 Jahre lang die Sekretärin des berühmten Wissenschaftlers J. C. Bose (1858-1937) und dann ebenfalls für viele Jahre die des Premierministers Nehru war. 1954 lebte sie seit fast 30 Jahren in Indien und hatte auch einige von Martinus‘ Büchern, wie Livets Bog 1, in Englisch übersetzt. Durch Anna Ørnsholt konnte Martinus Geisteswissenschaft ersten Fuß in Indien fassen.
Links Premierministers Nehru und Anna Ørnsholt (1882-1972)
Aus ihrem ausgedehnten Bekanntenkreis können unter anderen genannt werden: Annie Besant, Krishnamurti, Indira Gandhi, Tagore and Sunyata – der Däne Alfred Emmanuel Sørensen (1890-1984). Er war auf Veranlassung von Tagore 1930 von England nach Indien gezogen, wo er unter dem Namen Sunyata ein bekannter Weiser wurde.
Martinus hielt im Welthauptquartier der Theosophen in Adyar, in ihrer großen Tempelhalle mit ihren prachtvollen Marmorböden, einen Vortrag, und der Präsident der Theosophischen Gesellschaft hielt eine freundliche Einführungsansprache, bei der er sagte: „Dieser Mensch hat einige wundervolle Erlebnisse gehabt, über die er gerne mit uns sprechen möchte.“
Anna Ørnsholt übersetzte ebenso schnell, wie Martinus sprach, und zeigte anschließend mit einem Stab auf die Symbole. Inmitten der Zuhörer der zahlreichen Vorträge von Martinus fanden sich viele theosophische Führungspersönlichkeiten und eine Menge alter weiser Männer mit langen Bärten und Turbanen. Sie saßen auf dem Boden in der Nähe der Leinwand, und sie hatten solche Symbole noch nie gesehen, und laut Martinus waren sie alle ungemein interessiert. Anschließend kamen sie zu ihm hinauf und schüttelten seine Hand, etwas, was Inder normalerweise nicht tun. Einer der alten weisen Männer sagte zu Martinus: „Damals als die ‚Großen‘ lebten“ – also Helena Blavatsky, Annie Besant and Leadbeater – war die Theosophie lebendig, aber sie starb mit ihnen. Nun jedoch kommen Sie und geben ihr neues Leben“.
22. Martinus’ Treffen mit Krishnamurti im Jahre 1954
Krishnamurti lebte 1954 noch in Kalifornien, aber jedes Jahr kam er zu Weihnachten nach Adyar, jedoch nicht um das Hauptquartier der Theosophen zu besuchen, sondern um dort seine eigenen Anhänger zu treffen. Nach dem Bruch im Jahr 1929 fanden Krishnamurtis Aktivitäten völlig getrennt von denen der Theosophen statt. In Adyar lebte er in einem großen Palast, den ein reicher Mann für seine Aktivitäten zur Verfügung stellte. Martinus wollte mit Krishnamurti sprechen und weil Anna Ørnsholt ihn kannte, war es seine Absicht, dass sie ein Treffen für sie arrangieren sollte. Es war geplant, dass sie auf ihrer Rundreise in einer Schule wohnen sollten, in der Krishnamurti zu Besuch war, er war aber einen Tag vor ihrer Ankunft abgereist. Martinus hatte jedoch später die Gelegenheit, in den Palast des reichen Mannes zu kommen, wo Krishnamurti jeden Morgen in der großen Halle eine Fragestunde abhielt.
Anna Ørnsholt und Martinus in Indien 1954
Einer von Martinus’ Freunden hat erzählt, dass Martinus an der Fragestunde teilnahm, und das obwohl er kein Englisch verstand. Eine große Anzahl Inder saß auf dem Fußboden und sie gingen Krishnamurti mit ihren Fragen hart an. Plötzlich fing Krishnamurti an, seine Anhänger zu beschimpfen, und Martinus fragte Anna Ørnsholt: „Was ist los?“ Sie antwortete, dass Krishnamurti die Anhänger schalt: „Ich erzähle euch das schon zwanzig Jahre lang, und ihr fragt immer noch!“ Wozu Martinus im Scherz Anna zuflüsterte: „Nun, es scheint als ob er es nicht zur Genüge erklärt hat.“ Nach Ansicht von Martinus war Krishnamurti ziemlich kühl und seine Nerven waren unter all dem Einfluss und all dem psychischen Druck, dem er ausgesetzt gewesen war, geschwächt.
Nach der Fragestunde trafen sie mit Krishnamurti zusammen und er fragte, ob Martinus ebenfalls zu irgendetwas eine Frage stellen wollte. Nein, Martinus hatte keine Fragen, und er merkte, dass Krishnamurti nicht mit ihm sprechen wollte. So war die Unterhaltung ziemlich kurz. Vielleicht wusste Krishnamurti nicht, dass er Martinus vor sich hatte, der ihm den Brief mit dem Inhalt, dass die Welterleuchtung aus Dänemark kommen werde, geschrieben hatte.
23. Der Kreis schließt sich
In seinen Erinnerungen schreibt Martinus: „Ich bekam auch die Gelegenheit, Krishnamurti zu treffen. Er hielt eine Fragestunde für seine Anhänger in der großen Tempelhalle. Ich war anwesend, als er den Saal betrat und sich vor der Versammlung verneigte, indem er auf indische Weise seine Handflächen gegen einander presste. Danach setzten sich alle auf den Fußboden und die Fragestunde begann. Es wurde nun eine Reihe von Fragen gestellt, die er beantwortete. Nach der Fragestunde begrüßte ich ihn. Ich sprach meine Bewunderung dafür aus, dass er sich 1929 jegliche Form von Verehrung als Weltlehrer verbeten hatte. Hierzu antwortete er ganz kurz, dass so etwas ja der Vergangenheit angehörte.“ (Martinus Erinnerungen, Seite 114f).
Martinus zeigt mit seinen Analysen, wie sich alles in Kreisläufen abspielt. Den Kreislauf, den er selbst mit seinem Brief an Krishnamurti im Dezember 1924 gestartet hatte, konnte er selbst abschließen, als er 30 Jahre später im Dezember 1954 Krishnamurti in Indien traf. Martinus konnte ihn persönlich loben, indem er seine Bewunderung dafür ausdrückte, dass Krishnamurti sich von der eventuell verlockenden Rolle als Welterlöser losgesagt hatte. So schloss sich dieser Kreis.
Ole Therkelsen
www.oletherkelsen.dk
Übersetzung Christoph Schöhofer