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Glaube, Wissenschaft und Geisteswissenschaft

von Ole Therkelsen

1. Die religiöse Intelligent Design-Theorie, Naturwissenschaft und Martinus

Die Theorie des Intelligent Design wird offiziell als dem Darwinismus ebenbürtige Theorie dargestellt – im Allgemeinen ganz unabhängig von der Bibel und der Religion. Beim Intelligent Design akzeptiert man die naturwissenschaftliche Arbeitsmethode. Man will mit den eigenen Methoden der Wissenschaft die darwinistische Theorie der schrittweisen Entwicklung widerlegen.

Martinus macht demgegenüber geltend, dass er selbst eine neue und vollständige Wissenschaft geschaffen hat, eine Geisteswissenschaft, die in ihrem definierten Rahmen und ihrer Methode über den begrenzten Rahmen der Naturwissenschaft hinausgeht. Martinus erkennt die Souveränität der Naturwissenschaft an, wenn es sich um Maß- und Gewichtsfazite innerhalb des materiellen Gebietes handelt. Er meint nur, dass die Naturwissenschaft in ihrem Arbeitsgebiet und ihrer Methode eine Reihe ewiger Realitäten des Lebens ausschließt, die nicht quantifiziert werden können. Dadurch hat sich die Naturwissenschaft selbst davon ausgeschlossen, das Lebensmysterium zu lösen und die Ursache der Schöpfung komplexer Organismen in der Natur zu erklären.

2. Ist es unwissenschaftlich anzunehmen, dass es eine Vernunft in der Natur gibt?

Die Theorie des Intelligent Design hat das Ziel zu beweisen, dass es eine intelligente Ursache hinter der Schöpfung der komplexen Organismen in der Natur geben muss. Unter anderem führt man an, dass es in der Natur so komplexe Systeme gibt, dass deren Entstehen nicht aus der Evolutionstheorie erklärt werden kann.

Innerhalb der Naturwissenschaft wird es als unwissenschaftlich oder religiös angesehen, sich damit zu beschäftigen, einen Sinn in der Natur zu finden, denn die Grundlage der Naturwissenschaft ist das Postulat der Objektivität. Die Natur wird als objektiv gegeben angesehen. Sie kann also nicht Ausdruck eines Gedankens, eines Plans oder einer Absicht sein. Im Gegensatz zum Menschen, der seine Gedanken und Pläne in die Welt projizieren kann, wird die Natur als nicht projizierend angesehen.

Die Wissenschaft hat bereits in ihrem Ausgangspunkt durch das Postulat der Objektivität und die Definition der Wissenschaft als eine bestimmte Methode die Möglichkeit eines intelligenten Designs in der Natur ausgeschlossen. Das steht nicht zur Diskussion! – Es ist ein wissenschaftliches Dogma, dass keine Vernunft in der Natur vorkommen kann. Darum muss die Naturwissenschaft ihrer Definition nach die Möglichkeit einer entworfenen Natur abweisen.

3. Was ist Naturwissenschaft?

Naturwissenschaft ist eine Dokumentation von Tatsachen, die auf unseren Sinnen und deren Verlängerung durch verschiedene Messgeräte beruht. Wissenschaftliche Ergebnisse müssen reproduziert und experimentell durch Maß- und Gewichtsfazite bestätigt werden können, also durch exakte Quantifizierung. Naturwissenschaft wird als eine bestimmte Forschungsmethode definiert, bei der jede Hypothese empirisch bekräftigt werden kann.

4. Ist Martinus’ Geisteswissenschaft echte Wissenschaft?

Die Naturwissenschaft beschreibt die vielen verschiedenen physischen Beobachtungen, die in der Natur gemacht werden, während sich Martinus dagegen damit beschäftigt, zu erklären, auf welche Weise alles im Leben eine sinnvolle Rolle spielt. Wenn man Martinus’ Geisteswissenschaft mit den anerkannten Wissenschaften vergleichen will, muss man sich den Geisteswissenschaften zuwenden. Bei den Geisteswissenschaften geht es darum, einen Sinn zu finden und diesen Sinn zu verstehen. In diesen Wissenschaften ist es aber die menschliche Aktivität, die den Sinn erschafft. Das Besondere an Martinus’ kosmischen Analysen ist, dass sie zugleich eine Idee und einen Sinn in der Natur zeigen, außerhalb der menschlichen Aktivität. Martinus hat eine Geisteswissenschaft geschaffen, die zeigt, dass das Entstehen der Natur ein Ergebnis von Bewusstseinsleben ist und dass alles in der Natur einen Sinn hat.

Martinus war kein Philosoph, der Ideen ersann oder Hypothesen aufstellte. Er sagte ganz bescheiden, dass die ewigen Gesetze und Prinzipien des Lebens bestanden, ehe er geboren wurde, und dass er nur mit einer Wahrnehmungsfähigkeit ausgestattet war, die es ihm ermöglichte, diese Prinzipien zu erleben. Nachdem er 1921 kosmisches Bewusstsein erlangt hatte, brauchte er drei Jahre, um den vollen Überblick über das ganze ewige Weltbild zu gewinnen und alle Mosaiksteine zusammenzusetzen.

Es kann interessant sein zu lesen, wie Martinus kosmisches Bewusstsein erlangt und die kosmischen Gesetze und Prinzipien erlebte, aber für Geistesforscher muss es entscheidend sein zu untersuchen, ob das, was Martinus schrieb, wahr ist und mit den Tatsachen übereinstimmt oder nicht. Das Entscheidende ist nicht Martinus’ eigene Person oder Art und Weise, durch die er sein Wissen empfing. Die Formulierung des Gesetzes der Schwerkraft ist wichtiger als die Geschichte, wie Newton (1643-1727) seine geniale Idee bekam, als er unter einem Apfelbaum saß und ein Apfel zur Erde fiel. Der deutsche Chemiker Kekulé von Stradonitz (1829-1896) löste das Problem der Struktur des Benzols dadurch, dass er in einem Traum sah, wie sich die Moleküle zu einem Ring formten. Das wurde aber erst Wissenschaft, als die Struktur in einem Labor experimentell demonstriert werden konnte.

5. Was ist der Ausgangspunkt der Wissenschaft?

Sowohl die Geisteswissenschaft von Martinus als auch die Naturwissenschaft gehen von bestimmten Ausgangspunkten oder Axiomen aus, die niemand beweisen kann. So ist es mit allen Wissenschaften. Martinus setzt die Existenz der Welt voraus, d.h. die Existenz und Konstanz der Energien sowie die Gültigkeit des Gesetzes von Ursache und Wirkung. Diesen Ausgangspunkt, den Martinus mit der Naturwissenschaft teilt, hat er in der „Lösung des Lebensmysteriums“ bei seiner Behandlung der 12 Grundfazite als die Grundfazite 1 und 2 beschrieben (LB3, 680-681 und DEW3, 32.3-32.4).

Dieser naturwissenschaftliche Rahmen wird aber gesprengt, wenn Martinus zu dem Grundfazit Nr. 3 “Logik oder Planmäßigkeit“ weitergeht. Hier meint er, dass der Forscher erkennen muss, dass die Entfaltung von Ursache und Wirkung eine Planmäßigkeit in der Natur enthüllt und dass sich diese bei näherer Beobachtung als vollständig logisch und zweckmäßig erweist. Funktionieren beispielsweise die Chemie der Zellen und die Physiologie des Menschen nicht völlig zweckmäßig?

Im Grundfazit Nr. 4 „Bewusstsein, Denken und Ideenschöpfung“ geht Martinus einen Schritt weiter und schließt, dass die Logik und Zweckmäßigkeit, die wir in der Natur sehen, Ausdruck der Existenz von Bewusstsein und Denken sein muss. In der Natur muss es also einen Plan und eine Zweckmäßigkeit geben.

Im Grundfazit Nr. 5 „Die Existenz des Lebewesens“ kommt Martinus so dazu, dass Bewusstsein nicht als isoliertes Phänomen bestehen, sondern nur in Verbindung mit einem Lebewesen auftreten kann (LB3, 682-684 und DEW3, 32.5-32.7). Der geniale Aufbau des Universums deutet also darauf hin, dass das ganze Universum ein Lebewesen ist. Die dem Grundfazit Nr. 5 entsprechende symbolische Zeichnung wird im Abschnitt 3.7 gezeigt.

6. Was ist der Unterschied zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft?

Der entscheidende Unterschied zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft ist, dass Martinus davon ausgeht, dass Leben wie auch Energie ein ewig bestehendes Phänomen ist. Philosophisch gesehen gibt es nur zwei Möglichkeiten: 1. Das Phänomen Leben ist zu einem bestimmten Zeitpunkt entstanden. 2. Das Phänomen Leben ist etwas immer schon Existierendes. Wer kann beweisen, dass die eine Aussage richtig und die andere falsch ist?

Im Gegensatz zu einer ewigen Erscheinung hat jedes zeitliche Ding einen Anfang und damit eine Ursache oder einen Urheber. Martinus’ Voraussetzung der Konstanz des Lebens und der Energien führt zu einem ausgeprägten Ewigkeitsdenken. Um die kosmischen Analysen verstehen zu können, ist es notwendig, ständig zwischen ewigen und zeitlichen Phänomenen zu unterscheiden. Wenn man das nicht macht, wird man ein Opfer von Gedankenverwirrung oder Täuschung, was Martinus im LB4, 1059-1071 beschreibt.

Die beiden Ausgangspunkte der Naturwissenschaft und der Geisteswissenschaft:

1. Das Universum und das Leben sind zeitlich und damit etwas Entstandenes.

2. Das Weltall und das Leben bestehen ewig.

7. Wie steht die Naturwissenschaft zu ewigen Erscheinungen?

Ein zeitliches oder erschaffenes Ding ist etwas, das zu einem gegebenen Zeitpunkt entstanden ist. Infolgedessen gibt es eine Ursache für die Existenz eines jeden zeitlichen Dinges. Durch Alter, Verschleiß, Reibung, Verwitterung und anderen Verfall kann kein erschaffenes Ding ewig bestehen. Selbst ein solider Granitblock ist vergänglich.

In der Naturwissenschaft beschäftigt man sich mit Problemen in Verbindung mit zeitlichen Dingen, die einen Anfang und ein Ende haben. Martinus beschäftigt sich dagegen sowohl mit erschaffenen als auch mit ewigen Erscheinungen. Ewige Dinge sind ursachenlose Erscheinungen, die bloß existieren. Martinus bezeichnet sie als „Etwas, das ist“. Weil die bloße Existenz ewiger Erscheinungen keine Ursache hat, kann das Gesetz von Ursache und Wirkung nur bei zeitlichen oder erschaffenen Erscheinungen wirken! – Für Martinus sind sowohl das Weltall als auch das Leben ganz einfach ursachenlose und ewige Erscheinungen.

Der Naturwissenschaft ihrerseits fällt es jedoch sehr schwer, ihre eigenen Fragen, wie, wann und warum das Universum und das Leben entstanden sind, zu beantworten. Die Urknalltheorie ist ein Schöpfungsbericht, bei dem das Gesetz von Ursache und Wirkung durch den unbegründeten Anfang außer Kraft gesetzt ist.

Vor dem Urknall muss es sehr eintönig gewesen sein. Und Gott muss sich auch vor der Schöpfung der Welt ganz gewaltig gelangweilt haben. – Was gab es, womit man sich hätte beschäftigen können?

Martinus operiert nicht mit einem Beginn oder einer Schöpfungsgeschichte, sondern mit einer ewigen Verwandlung oder Umschöpfung, die in den ewig existierenden Materien oder den Energien vor sich geht. Kann etwas logischer sein?

8. Kann ein ewiges Leben einen Anfang haben?

Das Problem der Unendlichkeit und Ewigkeit spielt eine sehr zentrale Rolle in Martinus’ Lösung des Lebensmysteriums. Aus der Natur der Sache kann eine unendliche oder ewige Erscheinung weder einen Anfang noch ein Ende haben. Auch ein ewiges Leben kann keinen Anfang und kein Ende haben. Darum ist es unlogisch, wenn man in der Kirche sagt, dass man das ewige Leben dadurch gewinnen könne, dass man gläubig ist und seinen Nächsten liebt, und das ewige Leben verliert, wenn man ungläubig und sündig ist. – Nein, es gibt nur zwei Möglichkeiten: entweder ist das Leben zeitlich, oder aber es ist ewig. Wenn das Phänomen Leben ewig ist, kann es aus der Natur der Sache heraus weder gewonnen noch verloren werden.

Sowohl im Christentum als auch in der Naturwissenschaft rechnet man in den jeweiligen Schöpfungsgeschichten mit einem Anfang. Zu einer möglichen Existenz ewiger Strukturen in einem ewig bestehenden Lebensphänomen kann die Naturwissenschaft nur schwer ein Verhältnis finden. Sie kann ja keine Ursache für die Existenz ewiger Phänomene finden, wenn diese keinen Anfang oder keine Begründung in der physischen Materie haben. Ewige Erscheinungen oder Strukturen können von Natur aus nicht durch Reaktionen materieller Teilchen erzeugt werden.

Heute wird der Satz von der ewigen Existenz der Energie als wissenschaftliche Tatsache anerkannt, während es nicht als bewiesen angesehen wird, dass das Phänomen des Lebens eine ewige oder dauernde Existenz hat.

9. Wer hat ein Erklärungsproblem – die Naturwissenschaft oder die Geisteswissenschaft?

Die Naturwissenschaft gibt also keine Erklärung, wie das Leben aus Chaos, Explosionen und Zufällen und die Qualität des Bewusstseins aus leblosen Atomen und einem toten Universum hat entstehen können. – Wie können die leblosen Wasserstoff- und Helium-Atome in der ursprünglichen Gaswolke nach dem Urknall zu Molekülkombinationen umgebildet werden, die imstande sind zu erleben: ich existiere, ich denke? – Hier hat die Naturwissenschaft keine logische Erklärung. – Martinus hat dagegen kein weiteres Erklärungsproblem. Das Leben ist ein ewiges Phänomen oder ein Etwas, das einfach existiert!

Nach Martinus ist das Leben weder ein Zufallsergebnis, wie man im Darwinismus meint, noch das Resultat einer Schöpfung, wie die Theorie des Intelligent Design postuliert. Das Leben ist „ein Etwas, das ist“. Das Leben ist etwas Ewiges.

Das Leben existiert! Mehr kann dazu nicht gesagt werden.

10. Religiosität beruht auf Glauben. Kann aber nicht auch beim Materialismus von Glauben gesprochen werden?

Martinus’ Analysen zeigen, dass alle materialistischen, politischen und gottlosen Entwicklungsstadien in Wirklichkeit auch eine Äußerung des religiösen Prinzips sind. Es ist religiös, an die Materie und an den Tod als Vernichtung des Lebens nach dem Untergang des Körpers zu glauben (siehe DEW1, 4.7).

Die Religionen beruhen auf Glaubenssätzen und Dogmen. Der Materialismus hat aber auch seine Dogmen in Form des Glaubens an die Materie und den Tod. Wie wir gesehen haben, war der materialistische, atheistische Kommunismus in Wirklichkeit auch religiös, weil seine Anhänger blind an alle Lehrsätze glaubten.

Die materialistische Wissenschaft hat ein Weltbild aufgebaut, das erklärt, dass die physische Materie die Ursache aller Dinge sei. Man meint, dass die physische Materie der absolute Ausgangspunkt von allem sein müsse, dass zufällige Reaktionen der Materie die Ursache der Evolution und der Entstehung des Bewusstsein sein müssen. Man glaubt also daran, dass es die Materie oder das Leblose sei, was das Lebendige hervorgebracht hat.

Der Materialismus ist auf dem Epiphänomenalismus aufgebaut, der die Annahme mit sich bringt, dass Bewusstsein, Geistesleben und psychische Phänomene nur Folgewirkungen rein materieller Gehirnprozesse seien. Dass die physische Materie die Ursache des Bewusstseins wäre, ist eine Theorie oder eine Annahme, die nicht bewiesen ist. Das ist doch ebenfalls ein quasi-religiöser Glaube, der aber nur als Wissenschaft verkleidet ist!

In der Konsequenz des Materialismus sollen alle menschlichen Funktionen und Eigenschaften – Bewusstsein, freier Wille, Moral, Altruismus, Liebe, Kreativität, Umsicht, Mitleid und Sinnerleben – Produkte der physischen Materie sein.

Der Materialismus beruht in erster Linie auf der Thermodynamik, der Quantenphysik, der Relativitätstheorie und der Evolutionstheorie. Diese Theorien sind aber nicht in jeder Beziehung Ausdruck wissenschaftlicher Fakten, da sie in einem gewissen Umfang auf Theorien und Hypothesen bauen, die eher Glaubensinhalte der Materialisten sind. Beispielsweise glaubt man, dass die Ursache des Lebens und der Evolution Zufälle seien, ohne dass das bewiesen worden ist.

Der Materialismus ist die tonangebende Philosophie hinter der Wissenschaft von all dem geworden, was technische Errungenschaften mit sich gebracht haben. Der Materialismus steht aber auch hinter einem verarmten Geistesleben und einer verarmten Moral, die mit Ausdrücken wie „Man lebt nur einmal“ oder „Jeder ist sich selbst der Nächste“ charakterisiert werden können. Der Materialismus, der sehr auf Wirtschaftlichkeit fixiert ist, ist zu einer Art „Evangelium des Egoismus“ geworden.

Was antwortet der Materialismus auf die Fragen: „Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was ist der Sinn des Lebens?“ – Die Antwort ist die, dass es ein Zufall ist, dass wir leben, und dass wir gezwungen sind, die Sinnlosigkeit des Lebens zu akzeptieren!

11. Sind der Materialismus und die Naturwissenschaft objektiv?

In der materialistischen Naturwissenschaft gibt es nur das Materielle, das als wirklich oder objektiv angesehen wird. Heute ist es nicht nur die Naturwissenschaft, sondern die ganze Gesellschaft, die vom Materialismus beherrscht ist. Das Wort Materialismus ist dabei hier in der erkenntnismäßigen Bedeutung gemeint, dass man nur das Materielle als wirklich ansieht und nicht in der wertmäßigen Bedeutung, dass man vor allem danach strebt, materielle Güter zu gewinnen. Da die Wissenschaft großen Erfolg mit all ihren großen Entdeckungen und technischen Fortschritten gehabt hat, glaubt man, dass die materialistische Lebensauffassung bewiesen und wahr sei.

Der Materialismus macht geltend, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse objektive Wahrheiten seien. Aber ist es überhaupt möglich, objektiv zu sein? – Das alte Wort, dass das Gesehene von den Augen abhängt die sehen, ist nach Martinus eine wissenschaftliche Analyse. Jegliche Wahrnehmung ist subjektiv. Dort, wo die Energien der Umgebung die Energien des Einzelnen treffen, entsteht eine Reaktion. Diese Reaktion ist das Erleben des Lebens (LB1, 2). Das Erleben der Begegnung dieser beiden Energien kann nur subjektiv oder persönlich sein, da man selbst als der eine Teil in die Begegnung eingeht. Man kann niemals ein Phänomen objektiv erleben oder wahrnehmen, denn das, was man erlebt, kann nur die Reaktion der Sinne auf das Phänomen sein und nicht das Phänomen selbst. Das ist der Unterschied zwischen dem Ding an sich und dem Erleben des Dinges. Der deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) unterschied zwischen ‚dem Ding an sich’ und dem ,Ding für mich’. Das absolut Objektive ist ‚das Ding an sich’, aber das entzieht sich aller Wahrnehmung und allen Erlebens. Da wir alle verschieden sind, wird ein gegebenes Ding immer unterschiedlich erlebt werden.

12. Ist Theorie Ausdruck für Glauben oder Wissenschaft?

Da die Wissenschaft eine Dokumentation von Tatsachen ist, sagt man oft, dass es unmöglich sei, auf dem geistigen oder abstrakten Gebiet Wissenschaft zu betreiben. Hier muss man aber beachten, dass es außer selbsterlebten Tatsachen auch theoretische Tatsachen gibt, die vielleicht am besten aus den mathematischen Beweisen und theoretischen Modellen bekannt sind, die mit den Realitäten der Wirklichkeit übereinstimmen. Eine wissenschaftliche Dokumentation kann gut mit Logik und Beweisführung auf theoretischer Basis stattfinden.

Wenn Martinus von der Essenz einer Idee und den ewigen kosmischen Prinzipien redet, spricht er in Wirklichkeit auch von einem abstrakten Realismus – im Gegensatz zum naiven Realismus der Naturwissenschaft. Es liegt außerhalb des wissenschaftlichen Rahmens, mit der Natur als Ausdruck einer Idee zu arbeiten! – Für Martinus repräsentiert die geniale Ordnung der Natur jedoch die Essenz einer Idee. In Verbindung mit der atomaren Ordnung der Natur soll Einstein die Zufallstheorie auch mit den Worten zurückgewiesen haben: „Gott würfelt nicht“.

Mit ihrer Entwicklung wird die Naturwissenschaft jedoch immer theoretischer und dadurch auch immer abstrakter oder geisteswissenschaftlicher, womit sie sich Martinus’ Geisteswissenschaft annähert, die auf erkenntnismäßigen und theoretischen Tatsachen beruht. Über Martinus’ Auslegung dieser besonderen Entwicklung der Naturwissenschaft kann man mehr im LB1, 226-232 lesen.

Man kann sagen, dass es eine Glaubenssache ist, ein religiöses Dogma oder eine Behauptung als Wahrheit zu akzeptieren. Wer hat nicht gehört, das einige sagen, dieses oder jenes sei wahr, nur weil es in der Bibel steht? – Dagegen ist es nicht Glaube sondern Wissenschaft, eine theoretische Tatsache als Wahrheit zu akzeptieren. Martinus’ Geisteswissenschaft kann für den Studierenden im Idealfall mit einer sowohl skeptischen als auch kritischen Haltung sowie einem gründlichen Studium zu einer theoretischen Tatsache werden.

Wenn sich die Intuition geltend zu machen beginnt, kann der geniale Künstler, Erfinder oder Wissenschaftler in einen stark inspirierten Zustand kommen und Zugang zu Geistesmaterial bekommen, das außerhalb des normalen Tagesbewusstseins liegt. Viele Nobelpreisträger haben u.a. im Fernsehen von den intuitiven Erlebnissen berichtet, die die Grundlage ihrer großen Entdeckungen und Erkenntnisse wurden. Die Intuition zeigt sich hier als kleiner Schimmer oder Bruchstücke des absoluten Wissens. Die intuitive Erkenntnis ist ein Ausdruck einer Erkenntnis eines abstrakten Realismus.

In einem Vortrag in Schweden hob Martinus sowohl Nils Bohrs als auch Albert Einsteins Humanität und Intuition hervor. Er erklärte, dass große Humanität automatisch eine intuitive Fähigkeit verleiht, die man oft bei hervorragenden Künstlern, Autoren und Wissenschaftlern findet. „Wenn Prof. Bohr in der Atomphysik so hervorragend sein konnte, beruht das auf seiner Humanität und seinen intuitiven Fähigkeiten“, sagte Martinus. „Ja, vielleicht wussten Bohr und Einstein das selbst nicht, aber es war die humane Fähigkeit und die daraus folgende intuitive Begabung, die sie so auszeichnete und der Wissenschaft so viele gute Ideen gab. Aber das ist nur ein schwacher anfänglicher Zugang zu dem kosmischen Gebiet, wo man allmählich beginnen wird, die Lösung des Lebensmysteriums erleben zu können, um zuletzt kosmisches Bewusstsein erlangen zu können“, sagte Martinus (Varnhem, Schweden, 19.06.1965).

Entwickelte und humane Menschen, die nicht selbst durch eigene Wahrnehmung kosmisches Wissen erhalten, können bestenfalls theoretisches kosmisches Bewusstsein bekommen, d.h. ein theoretisches Verständnis des abstrakten Realismus, was Martinus mit einem selbsterlebten kosmischen Bewusstsein erkennen konnte.

Martinus: „Diese empfänglichen Menschen können mit ihrer Intelligenz die intelligenzgemäße Interpretation der wirklich kosmischen und damit ewigen Analysen des Lebens empfangen. Sie können dadurch das theoretische Erlebnis der Bedeutung des Lebens oder der Lösung des Lebensmysteriums bekommen.“ (LB7, 2524).

13. Kann man das Lebensrätsel mit Maß- und Gewichtsfaziten lösen?

Die ewigen Gesetze und Prinzipien, die Voraussetzung der Entfaltung und des Erlebens des Lebens sind, können nicht gemessen oder gewogen werden. Das Lebensmysterium kann darum nicht mit materialistischer Naturwissenschaft gelöst werden, weil diese ihr Arbeitsgebiet auf Phänomene beschränkt, die gemessen und gewogen werden können. Dadurch kann das Leben nicht gefunden werden. Martinus geht über den Rahmen der materialistischen Forschung hinaus, wenn er die Ursachen der verschiedenen Erscheinungen und Lebensformen in der physischen Welt erklärt. Diese Ursachen können von Natur aus nicht mit Maß- und Gewichtsfaziten dokumentiert werden, da sie den Phänomenen der physischen Welt vorausgehen. Der Forscher kann viele Dinge messen und registrieren, aber die Voraussetzungen der Messungen: des Forschers eigenes Bewusstsein und seine Erlebnisfähigkeit, können nicht gemessen und gewogen werden. Martinus erkennt, wie gesagt, die Souveränität der Naturwissenschaftler innerhalb ihres abgegrenzten Arbeitsgebietes an, meint aber, dass sie ihr Kompetenzgebiet überschreiten, wenn sie sich über den Sinn des Lebens äußern und über die grundlegende Frage: Was ist das Leben?

In seinem siebenbändigen Hauptwerk, dem Livets Bog, präsentiert Martinus die Lösung des Lebensmysteriums, indem er nicht nur die Frage beantwortet „Was ist das Leben?“ sondern auch die Frage „Wer ist das Leben?“.

14. Die Naturwissenschaft fragt: Was ist das Leben? – Martinus fragt: Wer ist das Leben?

Die Maß- und Gewichtsfazite der materialistischen Naturwissenschaft können Martinus’ Frage: „Wer ist das Leben?“ nicht beantworten. – Aber mit der allmählichen Entwicklung der Naturwissenschaft wird sie zuletzt die größte Frage des Daseins: Wer ist das Leben? auslösen oder hervorrufen. Im Livets Bog 3, 959-961 nimmt Martinus dieses Problem auf. Die Indianer und Naturmenschen sind durch ihren Instinkt weniger im Zweifel darüber, was sie unmittelbar empfinden: dass die Natur Ausdruck eines lebendigen Organismus ist, der einem Gott oder Göttern angehört. Diese angeborene instinktive Empfindung der Existenz einer lebendigen Gottheit hinter allen äußeren Erscheinungen und Energien bewirkt, dass sie nach Martinus in dieser Beziehung mehr im Kontakt mit der Wahrheit sind als die Materialisten. Die Natur oder das Weltall ist das Wesen, das aufgrund des Instinkts und des Glaubens in vielen Religionen als Gottheit aufgefasst worden ist. Martinus macht aber geltend, dass man nach der Kulmination des Materialismus allmählich zu einer geisteswissenschaftlichen und intuitiven Erkenntnis des Weltalls als Lebewesen kommen wird.

15. Was ist für ein ewiges Weltbild charakteristisch?

Martinus’ Analysen sind im gewöhnlichen Sinn nicht wissenschaftlich. Materialistische Wissenschaftler können sich nicht vorstellen, dass etwas Wissenschaft und Wahrheit sein kann, wenn es nicht in Zahlengrößen, in Dimensionen von Raum und Zeit, ausgedrückt werden kann. Sowohl das Leben als auch das ganze Weltbild sind ewige Erscheinungen, die sich außerhalb von Zeit und Raum erstrecken. Resultate in den Dimensionen von Raum und Zeit beruhen auf erschaffenen Dingen mit einem Anfang und einem Ende. Nach Martinus ist das Bewusstsein des Lebewesens eine ewige Erscheinung, die sich hinter dem vorübergehenden und materiellen Auftreten verbirgt. Wenn man zur Lösung des Lebensmysteriums vordringen will, muss man sich daran gewöhnen, dass es Resultate gibt, die auf Analysen ewiger Erscheinungen beruhen, und dass diese Resultate nicht weniger wissenschaftlich oder wahr sind als die Resultate, die auf zeitlich befristeten und vergänglichen Erscheinungen basieren.

Die Martinus-Kosmologie ist ein ewiges Weltbild. Ein Weltbild, das ewig sein soll, muss ein Bild der Ewigkeit und Unendlichkeit sein. Es muss die Bedingungen und Voraussetzungen eines ewigen Lebenserlebens beschreiben. Ein ewiges Weltbild kann kein Bild erschaffener Dinge sein, die zeitlich und durch einen Anfang und ein Ende begrenzt sind.

Weil das Arbeitsgebiet der Naturwissenschaft sich auf eine intelligente Untersuchung begrenzter Dinge beschränkt, die gemessen und gewogen werden können, hat das materialistische Weltbild nur eine begrenzte Gültigkeit. Es ist die beginnende Entwicklung der Intuition, die ein Interesse und Bedürfnis nach Erklärungen der ewigen und unendlichen Erscheinungen, der Absichten, großen Zusammenhänge und Ganzheiten in der Natur hervorruft.

16. Was geschieht, wenn zwei Wissenschaften nicht den gleichen Ausgangspunkt haben?

Wenn zwei Forschergruppen unterschiedliche Axiome oder Ausgangspunkte haben, können sie nicht einig werden und zu den gleichen Resultaten kommen, auch nicht, wenn keine von beiden Fehlern macht. Wenn die Naturwissenschaft und Martinus’ Geisteswissenschaft zu verschiedenen Ergebnissen kommen, rechnet weder die Naturwissenschaft noch Martinus falsch. Die Axiome oder Ausgangspunkte sind nur unterschiedlich. Meiner Meinung nach gibt Martinus in seinem ganzen umfassenden Werk keine falschen Erklärungen und zieht keine falschen Schlüsse. Wenn man von akademischer Seite Martinus’ Geisteswissenschaft zurückweist oder nicht zu ihr Stellung nimmt, beruht das nicht auf nachgewiesenen Fehlern in den kosmischen Analysen, sondern darauf, dass man nicht mit Martinus’ Ausgangspunkt, dass das Leben eine ewige Erscheinung ist, dass das Ich, das Bewusstsein und die Energie ewige Phänomene sind, einverstanden ist. Dieses Axiom ist nur eine Variation der einleuchtenden Gesetzmäßigkeit, dass etwas nicht aus nichts entstehen und etwas nicht zu nichts werden kann.

Der dänische Humorist Storm P. sagt auch, dass es – abgesehen von Fusseln in der Hosentasche – nichts gibt, was aus nichts entstehen kann. – Ist es nicht genauso unmöglich zu erklären, dass ein lebendiges Bewusstsein seine Ursache in etwas Leblosem hat, wie zu erklären, dass Energie aus dem Nichts erschaffen werden kann?

17. Wie erklärt Martinus die beiden Wissenschaften mit dem Zeichen des Kreuzes?

Wie man eine Landkarte oder einen Atlas benutzt, um das Studium der Geographie zu erleichtern, hat Martinus Symbole entworfen, um das Studium der Kosmologie zu erleichtern (siehe LB1, 8-9). In Bezug auf den Unterschied zwischen der naturwissenschaftlichen Forschung von unten und der geisteswissenschaftlichen Forschung von oben hat Martinus eine neue Deutung des uralten Kreuz-Symbols gegeben.

Symbol Nr. 40 Das Zeichen des Kreuzes © Martinus-Institut 1981

Siehe auch die Erklärung des Symbols Nr. 40 in Das ewige Weltbild 4

Martinus schreibt: „Den Sinn und die Absicht des Lebens zu deuten, kann nur mit einer Forschungsmethode vor sich gehen, die auf ‚Leben‘ eingestellt ist und nicht nur auf Maß, Gewicht und Vibration. Und diese Einstellung ist als ‚längs der Materie verlaufend‘ zu bezeichnen.

‚Längs der Materie‘ zu forschen, ist also dasselbe wie auf Grundlage der Fähigkeit zu forschen, den Willen, den Sinn und die Sätze zu deuten, die die ‚Buchstaben- und Zahlenkombinationen‘ des täglichen Lebens in Wirklichkeit ausdrücken sollen. […]

Die Forschung ‚längs der Materie‘ unterscheidet sich außerdem von der Forschung ‚quer zur Materie‘ (horizontale Richtung) dadurch, dass sie unendlich ist. Die Forschung ‚quer zur Materie‘ stößt also auf das große Nichts, dessen Vorposten die Sternnebel sowohl im Mikrokosmos als auch im Makrokosmos sind. Sie gibt dem Individuum nur die Kenntnis vom ‚Buch‘ und seinen ‚Buchstaben‘. Die Forschung ‚längs der Materie‘ gibt dem Individuum jedoch die Fähigkeit, deren wahren und wirklichen Inhalt zu ‚lesen‘ oder zu deuten. […]

Das leuchtende Feld links soll den Sternennebel im Mikrokosmos bezeichnen, während das leuchtende Feld rechts den Sternennebel im Makrokosmos bezeichnet. Zwischen diesen beiden Feldern führt eine gestrichelte Linie über das dunkle Feld, das die Materie symbolisieren soll. Diese Linie soll die gegenwärtige Forschungsrichtung der irdischen Wissenschaft zeigen, die ‚quer‘ zur Materie verläuft. Die andere gestrichelte Linie, die nach oben ‚längs‘ der Materie läuft, stellt die Richtung dar, die diese Wissenschaft durch die hier im Buch (Beisetzung) beschriebene Kursänderung bekommt. Diese zwei Forschungsrichtungen, die beide notwendig sind, um den rechtmäßigen ‚heiligen Geist‘ zu bezeichnen, existieren also als das zutiefst auslösende Moment für das Erscheinen des ‚Zeichen des Kreuzes‘. […]

Diese beiden Forschungsrichtungen, auf denen das Erleben der wirklichen Kenntnis von der wahren Identität des Lebens basiert, lassen sich in physischer Form nur durch zwei Linien, die einander kreuzen, darstellen. Aber zwei Linien, die einander kreuzen, sind ja – das Zeichen des Kreuzes.“ (Beisetzung, Kap. 29-30).

18. Was ist der Unterschied zwischen Forschung von unten und Forschung von oben?

Die Naturwissenschaft forscht in Maß- und Gewichtsfaziten, und es ist diese der Intelligenz gemäße Forschung, die Martinus die Forschung von unten oder die Forschung quer zur Materie nennt. Sie beschäftigt sich mit der äußeren physischen Seite der Phänomene und führt zu einem mechanischen oder reduktionistischen Weltbild, weil die Auffassungen des Lebens zu etwas rein Mechanischem oder Materiellem reduziert werden.

Die Geisteswissenschaft erforscht Lebensäußerungsfazite, d.h. die Absichten und Zwecke aller Bewegungen und äußeren Formen. Diese intuitive Erforschung der Sprache des Lebens oder der Absicht mit dem Leben ist Forschung von oben oder Forschung längs der Materie.

Martinus argumentiert, dass etwas Lebloses nicht die Ursache der Bewegung sein kann. Es muss etwas Lebendiges hinter einer Bewegung liegen. Eine jede Bewegung wird also eine Lebensäußerung, und Martinus gebraucht oft den Ausdruck: „Bewegung ist das vornehmste Kennzeichen des Lebens“ (LB3, 675 und LB5, 1641).

19. Was ist der Unterschied zwischen Forschung in Lebensäußerungen und Forschung in Maß- und Gewichtsfaziten?

Der Unterschied zwischen Martinus’ Geisteswissenschaft und der Naturwissenschaft kann mit einer Analogie verdeutlicht werden, in der es um eine wissenschaftliche Untersuchung eines Buches geht. Die Naturwissenschaft, die mit Maß- und Gewichtsfaziten arbeitet, würde das Buch wiegen, seine Höhe, Länge und Breite messen, die Anzahl der Seiten, der Kommas und Punkte zählen sowie Analysen und Diagramme über die Anzahl der verschiedenen Buchstaben erstellen. Man würde eine Grundstoffanalyse der Druckerschwärze erarbeiten und die Fasern des Papiers unter einem Elektronenmikroskop untersuchen usw. Auf diese Weise wird man aber dem Inhalt des Buches nicht näherkommen.

Das Verhältnis der Naturwissenschaft zum Sinn des Lebens und der direkten Sprache des Lebens ist dem Verhältnis analog, das ein Analphabet zu einem Text hat. Ein Analphabet sieht die physischen Zeichen genauso gut wie eine Person, die lesen kann. Der Analphabet versteht aber den unsichtbaren Sinn oder den geistigen Inhalt hinter der physischen Gestaltung des Textes nicht. Der Materialist sieht alle äußeren Formen der Natur und schließt wie der Analphabet in der Schule des Lebens, dass sie bedeutungslos sind und dass das Ganze planlos ist. Mit dem Postulat der Objektivität als Ausgangspunkt hat sich die Naturwissenschaft selbst von dem Forschen in dem Plan und der Absicht der Natur und der gesamten Evolution ausgeschlossen. Das macht die naturwissenschaftlichen Ergebnisse innerhalb des rein materiellen Gebietes ja nicht weniger korrekt, man kommt aber auf diesem Weg nicht zum Sinn des Lebens und zur Lösung des Lebensmysteriums.

Nach Martinus ist die gesamte physische Welt wie ein aufgeschlagenes Buch, ein Buch des Lebens. Die physische Welt ist die Schule des Lebens, die das Lebenserleben und die Entwicklung zum Ziel hat. Martinus’ Hauptwerk, das Livets Bog, ist also eine Grammatik oder ein Lehrbuch in der Sprache des Lebens oder der direkten Rede des Lebens. Diese Sprache richtet sich an alle in der gesamten physischen Natur, an Mineralien, Pflanzen, Tiere und Menschen, einerlei ob man es weiß oder nicht, ob man es versteht oder nicht. Die Aufgabe der Geisteswissenschaft ist es, den Geistesforscher im wahren Buch des Lebens lesen zu lehren, um den Sinn und die Absicht aller Lebenserlebnisse zu verstehen. Der Materialist mit seinen unfruchtbaren und toten Maß- und Gewichtsfaziten muss dem wahren Lebensbuch des Daseins wie ein Analphabet gegenüberstehen.

Die Idee der Geisteswissenschaft von Martinus ist, den unsichtbaren Sinn hinter den äußeren Daseinsformen zu finden. Es ist eine Idee in allen von Menschen erschaffenen Dingen inkarniert, wie z.B. in einer Tasse, die ein Getränk fassen kann oder in einem Stuhl, auf dem man sitzen kann. Nach Martinus ist aber auch in allen Schöpfungen der Natur eine Idee inkarniert.

Kurz gesagt ist der Sinn aller Mineralien, Pflanzen, Tiere und Menschen, dass sie alle das Leben erleben können und sich dazu weiterentwickeln sollen, zu allliebenden und vollkommenen Wesen mit kosmischem Bewusstsein zu werden. – Der Sinn der Evolution ist die Entwicklung von Bewusstsein!

20. Wie kann man die Richtigkeit der kosmischen Analysen kontrollieren?

Wissenschaft ist, wie gesagt, die Dokumentation von Tatsachen. Wenn ein Physiker ein Naturgesetz entdeckt hat, müssen andere auch ins Labor gehen können und diese Gesetzmäßigkeit bestätigen können. Ein Resultat muss reproduzierbar sein, ehe es als wissenschaftlich bewiesen angesehen werden kann.

Wenn es sich um die geistige Wissenschaft handelt, muss man natürlich auch ihre Fazite und Gesetzmäßigkeiten mit Logik und eigener Beobachtung überprüfen können. Alle großen und kleinen persönlichen Erlebnisse, alle psychologischen und biologischen Phänomene, alle historischen und gesellschaftlichen Ereignisse müssen auch zur Geisteswissenschaft passen, ehe sie als Wissenschaft anerkannt werden kann. Für den an kosmischen Analysen Interessierten wird das gesamte Leben so zu einem einzigen großen Forschungsprojekt. Jedes Ereignis, jede Erklärung oder jedes Erlebnis kann als Test für die Gültigkeit der kosmischen Analysen gebraucht werden.

Martinus empfahl dem Studierenden der kosmischen Analysen, äußerst kritisch und skeptisch zu sein, weil er meinte, dass seine kosmischen Analysen so unerschütterlich sind, dass sie selbst der stärksten Skepsis und dem stärksten Zweifel widerstehen können. Jeder, der daran interessiert ist, die Wahrheit in Martinus’ kosmischen Analysen zu untersuchen, wird also – unabhängig von Examen und akademischen Titeln – zu einem Geistesforscher.

21. Wie ist die Methode des Geistesforschers?

Für den Geistesforscher sind die kosmischen Analysen zu Anfang Martinus’ eigenes persönliches Wissen, aber allmählich geht dieses Wissen davon, Martinus’ Wissen zu sein, dazu über, das eigene Wissen des Geistesforschers zu werden. Das geschieht in dem Maße, wie die kosmischen Analysen durch Selbsterlebnisse und durch eigene Vernunft und Logik bestätigt werden können. Das Ziel der Geisteswissenschaft von Martinus ist, den Studierenden zu einem selbständigen Denken und Verstehen des Lebens und zu einer Lebensauffassung zu führen, die nicht auf Glauben sondern auf einem Wissen beruht, das durch Logik und eigene Erfahrungen bestätigt werden kann.

Das Livets Bog ist für den Geistesforscher ein Handbuch, um das Leben zu beobachten, wie die Flora für den Botaniker ein Handbuch ist, um die Pflanzen zu beobachten. Das Livets Bog ist eine Hilfe, um die direkte Sprache des Lebens oder das Buch des Lebens als solches zu verstehen. Martinus ist keine Autorität, an die man glauben soll, sondern ein Wegweiser, der zeigt, wo und wie man selbst seine eigenen Beobachtungen der Lebensgesetze machen kann. Wenn er die Serie kosmischer Analysen geschrieben hat, die zusammen die Grundanalysen des Weltalls bilden, ist es nicht nur, damit wir sie studieren sollen. Martinus’ Absicht ist, den Leser anzuregen, selbst herauszufinden, ob das, was er schreibt, auch wirklich etwas ist, was beobachtet werden kann. Unsere eigenen Beobachtungen und Erlebnisse sollen die Gültigkeit von Martinus’ Werk – Das Ewige Weltbild – zeigen.

22. Wie war Martinus’ Methode?

Martinus’ Methode ging nicht davon aus, laufend Ergebnisse zu produzieren, wie man es innerhalb der Naturwissenschaft macht, auch wenn es vorkommen konnte, dass er neue Spezialanalysen machte, wenn ihm neue Probleme vorgelegt wurden. Bevor er begann, die kosmischen Analysen zu schreiben, hatte er dank seiner Intuition einen vollen Überblick über das ewige Weltbild, die Lösung des Lebensmysteriums und die ewigen Lebensgesetze und Prinzipien. Die große Arbeit bestand für ihn nicht so sehr in der Erlangung der Erkenntnis, sondern vielmehr darin, die ewigen Wahrheiten, die er anderenfalls leicht hätte als Postulate, Fazite oder fertige Resultate vorbringen können, intelligenzgemäß zu begründen und zu beweisen. Sonst hätte er nur eine Religion und keine neue Geisteswissenschaft geschaffen.

Er erklärte einmal, dass er in seinem Bewusstsein sein Wissen zuerst in einer farb- und wortlosen Form bekam, die er dann später verarbeiten und in Worte umsetzen musste. Danach war es die größte Arbeit, dieses Wissen in einer intelligenzgemäßen und logischen Form zu vermitteln. Die Intuition ist eine Fähigkeit, durch die ein konkretes Wissen als fertige Fazite oder Ideen direkt erlebt werden kann. Martinus schreibt, dass die Intuitionsfähigkeit ein kosmisches Wissen in der Form einer automatischen Analysierfähigkeit in das Tagesbewusstsein übertragen kann, so dass das Intuitionserleben immer fertige Ideen hervorbringt (siehe LB6, 2194).

Martinus’ Arbeit, die sich über 60 Jahre erstreckte, bestand also darin, diese Intuitionsfazite und fertigen Ergebnisse der gewöhnlichen Intelligenz direkt zugänglich zu machen. In seinen kosmischen Analysen begründete er die kosmischen Wahrheiten in logischen Gedankenreihen. Da er die Lösung aller Gleichungen von vornherein kannte, musste er als Verfasser alle die Darlegungen wiedergeben, die zu den höchsten Faziten des Lebens führen. Der Studierende kann darum mit Logik, eigener Erfahrung und eigenem Verständnis alle Lösungen kontrollieren, die zu den ewigen kosmischen Faziten führen. Die Martinus-Kosmologie ist also kein Glaubensobjekt, sondern eine Hilfe für das selbständige Denken und Verstehen des Lebens.

Übersetzung von Dr. Christoph Schönhofer

Ole Therkelsen – Albert Schweizer Haus 2018

Vorträge zum Anhören auf Deutsch

Willkommen zu den Vorträgen von Ole Therkelsen

> International

Intuition und kosmisches Bewusstsein Bonn, Alb. Sch. Haus, 05.03.2005

Das Gebet als Wissenschaft Bonn, Alb. Sch. Haus, 06.03.2005

Der Sinn des Lebens, Herzberg am Harz, ICH, 07.03.2005

Verliebtheit, Freundschaft and Liebe, Herzberg am Harz, ICH, 08.03.2005

Unnatürliche Müdigkeit, Herzberg am Harz, ICH, 09.03.2005

Schlaf, Träume und Tod, Herzberg am Harz, ICH, 11.03.2005

Die Macht der Gedanken Neuwied, Heimbach-Weis, 17.11.2005

Die Weltsituation und das Erdballwesen Bonn, Alb. Sch. Haus, 18.11.2005

Die Kosmologie, das Center und Institut Martinus Center, Klint 01.08.2006

Erbe und Umwelt Martinus Center, Klint 08.08.2006

Eine Reise in die Mikrowelt Bonn, Alb. Schw. Haus, 22.09.2006

Martinus, Darwin und Kreationismus Neuwied, Heimbach-Weis, 23.09.2006

Das Dritte Testament Martinus Center, Klint, 31.07.2007

Martinus-Erinnerungen Martinus Center, Klint, 08.08.2007

Der Sinn des Lebens Forum Zeitnah, Kiel, 12.03.2008

Fragestunde, Sinn des Lebens Forum Zeitnah, Kiel, 12.03.2008

Gebet, Kreativität und Sexualität Schleswig, 13.03.2008

Fragestunde – Gebet Fahrdorf/Loopstedt, Schleswig, 13.03.2008

Die neue Weltmoral Klint, 04.08.2010

Homoseksualität und Allliebe, Klint, 11.05.2011

Das Buch „Martinus, Darwin und Intelligent Design – Eine neue Theorie der Evolution” ist bei amazon.de zu haben:

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Demnächst sind meine Bücher auch bei der Bayerischen Staatbibliothek auszuleihen.

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Martinus und die neue Weltmoral

Ole Therkelsen

www.oletherkelsen.dk